Maja

„Dein Telefon klingelt! Geh doch mal dran, das nervt!“

Nichts passiert. Keine Reaktion. Plötzlich ist das Telefon wieder still, der Anrufer hat anscheinend aufgegeben. Nach gefühlten zehn bis zwanzig Anrufen finde ich, hat er oder sie sich bis jetzt ganz gut geschlagen. Damit der ganze Kampf ein Ende hat, nehme ich Majas Handy und schalte es aus. Immer noch keine Reaktion von ihr. Vielleicht fällt sie neuerdings in einen meditativen Zustand, sobald ihr Telefon klingelt. Gesund wäre das nicht.

Ich zähle eins und eins zusammen und tippe entweder auf ihre Mutter oder, und das würde eher passen, auf Paul. Der war schon immer sehr hartnäckig. Da Maja immer noch nicht antwortet, lasse ich sie kurz allein. Soll sie sich erst sammeln und in Ruhe nachdenken.

Ich laufe zur Bushaltstelle und rauche eine Zigarette. Wie immer, kommt genau in dem Moment der Bus und hält. Natürlich ist der Fahrer sauer, als er sieht, dass ich nicht einsteige, sondern nur zum Spaß an der Haltestelle sitze. Manches wiederholt sich aber auch in einer kontinuierlichen Endlosschleife.

Maja sitzt immer noch unter dem Baum auf der rot-weiß karierten Picknickdecke. Sie winkt.

„Mann, Pia, ich bin so sauer!“ – „Merkt man dir gar nicht an.“ – „Mann, ich stehe total unter Schock!“ – „Verstehe ich nicht.“ Stille. „Hast du noch ein Schluck Cola?“ – „Klar. Hier. Mann Pia, der Typ nervt mich einfach Hölle!“ Aha, also war es doch Paul, der unserer Idylle eines freien Tags fernab von allem gestört hat.

Um jeglichen Missverständnissen vorzubeugen, frage ich sicherheitshalber noch mal nach. „So ein Quatsch, der doch nicht. Paul ist so nett, der ist gerade mit meinem kleinen Bruder Fußballspielen!“ Oh Gott, wie süß von ihm… Paul steigt in diesem Moment auf meiner persönlichen Liste der dämlichsten Menschen auf Platz 2. Mit Dennis Fußball zu spielen, nur um die große Schwester zu beeindrucken? Dennis, der letztens aus Versehen einen Dackel mit seinem Mini BMX überfahren hat. Dennis, der seit dem er Laufen kann, Football spielt? Hat Paul eigentlich keine Freunde, die ihn von seinen dummen Ideen abhalten könnten? Ach ja, stimmt, der beste Freund von Paul steht ja auf Platz 1 meiner Liste. Was für ein Dreamteam! Ricki wird seinen Platz auch so schnell an niemanden abtreten: Er hat wie ein Hund auf den Schulhof gekackt und ist dabei von unserem Chemielehrer erwischt worden. Manchmal frage ich mich, ob das Leben anderswo auch so absurd ist.

„Wer denn dann?“ – „Kennst du nicht.“ – „Wie, kenne ich nicht? Wie heißt er denn?“ – „Weiß ich auch nicht genau. Ist ne komische Story. Ich habe den erst gestern kennen gelernt.“ Wow, da hat man nach fast fünfzehn Jahren Freundschaft immer noch Geheimnisse voreinander. Zumindest für einen Tag. „Wie kennen gelernt? Mann Maja, jetzt sei doch nicht so wortkarg! Sonst erzählst du doch auch Sachen eher zweimal als keinmal.“ – „Boah Pia, du hast echt keine Ahnung. Das ist mir auch peinlich, echt!“ Wir gucken uns zickig an, sind beide etwas sauer und greifen gleichzeitig nach den Zigaretten. Was jetzt kommt, verkraftet man bestimmt nur mit Nikotin.

„Wo hast du ihn kennen gelernt?“ – „Gestern Abend.“ – „Wo, wie weshalb?“ – „In der Tankstelle, vor der Eistruhe. Ich war gerade auf dem Weg zurück von Paul, musste tanken und hatte Bock auf Eis.“  – „Und dann wart ihr zusammen ein Eis essen, nachts an der Tanke?“ – „Er musste auch tanken und wollte eben auch ein Eis, deshalb haben wir uns zufällig getroffen. Und ich dachte eben, ist doch vielleicht ganz nett. Außerdem war er echt süß.“ – „Aber du erinnerst dich nicht an seinen Namen?“ Stille.

Plötzlich klingelt mein Telefon. Paul. Ich unterdrücke den Anruf und ahne schlimmes. Wie es kommen musste, ruft er gleich noch mal an. „Hey Pia, hast du was von Maja gehört? Ihr Handy ist aus.“ Ich beruhige den aufgebrachten Paul und gebe ihm Maja.

„Hallöchen“, säuselt sie ins Telefon. Wie es ihm denn so gehe, ob er und Dennis viel Spaß haben und ob er heute Abend Zeit hätte. „Wir könnten ja alle zusammen Pizza essen gehen?“

Maja steht auf und spricht mit Paul, als wäre nichts gewesen. Als hätte sie die Anrufe von vorhin schon wieder vergessen. Dann geht sie einfach weg. Wahrscheinlich ist ihr die gesamte Aktion peinlich und ich soll die  Schnulze nicht mehr mithören. Diese unglaubliche Rücksicht, die Maja doch ab und zu auf mich nimmt, überwältigt mich kurz.

Da ich jetzt aber doch etwas neugierig geworden bin, schalte ich Majas Handy wieder ein. Die Nummer kenne ich nicht, ein Name ist auch nicht eingespeichert. Todesmutig wie ich bin, rufe ich die Nummer zurück. Der Typ nimmt nicht ab. Ich bin etwas enttäuscht und blicke in Majas vor Zorn bebendes Gesicht. „Das ist nicht dein Ernst! Wen hast du da angerufen?“ – „Der Typ hat nicht abgenommen, keine Sorge. Deine Nummer hatte er ja schon vorher. Weiß er eigentlich, wie du heißt?“

Maja wird wieder ganz still. Ein emotionales Chaos scheint ausgebrochen zu sein. Erst völlige Apathie, dann Stille, dann Freude, Wut, Zorn und jetzt? Sie ist den Tränen nahe. „Maja, jetzt spuck es doch endlich aus. Was ist gestern passiert?“

Sie sieht immer noch sehr unglücklich aus, lächelt aber etwas. „Es ist überhaupt nichts Schlimmes passiert. Ich… Es ist nur… Ich fühle mich so überfahren.“ – „Von dem Typen?“ – „Nee. Doch auch. Ja. Von dem Typen, der glaube ich Sebastian heißt.“ – „Glaubst du?“ – „Ich bin mir nicht mehr so sicher. Ich hatte gestern den schönsten Abend meines Lebens, nur erinnere ich mich nicht mehr. Ganz vage nur. Hier, das Foto habe ich heute Morgen auf meinem Handy gefunden.“ Maja zeigt mir ein Foto, auf dem sie einen fremden, wirklich sehr süß aussehenden Typen knutscht. „Und an den erinnerst du dich nicht?“ – „Nee, das ist wie ein Black Out. Wie ein Filmriss. Aber ich habe gestern keinen Tropfen Alkohol getrunken. Den ganzen Tag über nur Kalorien und Nikotin.“ – „Merkwürdig. An was erinnerst du dich denn sonst?“ – „Warte, hier diese SMS sind auch alle heute Nacht und heute Morgen gekommen.“

Jeanette Kunsmann

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