jtkn

Monat: Dezember, 2009

Happy 2010

Vorschau 2010 im BauNetz

Advertisements

Raum 142

„Kann man Witz auch mit ‚s’ schreiben?“ „Wie buchstabiert man Lamborghini?“ „Hat jemand Tipp-Ex dabei?“ In der Schreibwerkstatt der Lenau-Grundschule mitten in Berlin-Kreuzberg herrscht große Aufregung, schließlich soll die Schülerzeitung in drei Wochen gedruckt werden – und in vier Wochen ist schon Einsendeschluss für den Berliner Schülerzeitungswettbewerb. Ilona Zeise beantwortet nacheinander alle Fragen, klebt dabei über den falsch geschriebenen „Fussball“ ein Stück Papier und beruhigt die chaotische Redaktion. „Es ist erst viertel vor neun – ihr habt also noch genügend Zeit!“

Eine dreiviertel Stunde zuvor ist es noch sehr still in dem kleinen Unterrichtsraum. Draußen toben Regen und Dunkelheit – drinnen ist es warm und gemütlich. Die Schüler sitzen sortiert an dem Gruppentisch: links die Mädchen Salma, Justina, Jenny, Celina und Aybicke, rechts Jeremy, Yannik, Hassan, Beniz, Mert und Emre. Aus Verlegenheit spitzen die Kinder ihre Bleistifte. Kleine, noch halb verschlafene Äuglein starren auf weiße Blätter.

Im Raum 142 werden jeden Dienstag und Freitag in aller Frühe Geschichten, Witze, Gedichte, Reime und Rätsel geschrieben. Den Bericht über das Lesefest möchte aber niemand schreiben. „Das ist voll langweilig und will eh niemand lesen!“ Alle sind sich einig und Ilona scheint überstimmt.

Die Erzieherin hilft den Fünft- und Sechstklässlern dabei, ihre Schülerzeitung auf die Beine zu stellen. Sie koordiniert, korrigiert (immer mit einem netten, aber bestimmten Ton) und sorgt dafür, dass die Zeitung jedes Mal pünktlich gedruckt werden kann. Geschrieben wird allein oder auch zu zweit. Die Regeln: kein Kaugummi, keine Beleidigungen und keine Geschichten über Sex.

Auf die Frage, ob jemand etwas Tolles in den Ferien erlebt hat, antwortet zunächst Keiner. Emre bricht schließlich die unangenehme Stille. „Nichts. Außer: fernsehgeguckt und ausgeruht.“ Die anderen nicken – viel mehr ist in ihren Ferien auch nicht passiert.

Mohammed fehlt noch. Der Dreizehnjährige ist der Älteste der Gruppe. Er kommt zwanzig Minuten zu spät. „Wie immer,“ grinst er und wünscht in etwas gebrochenem Deutsch „einen wunderbaren guten Morgen!“ Mohammed spricht nicht, er schreit. Ab jetzt wird es unruhig und laut im Raum 142.

Die Konferenz der kleinen Autoren ist schon fast beendet – Themen und Aufgaben verteilt. Nun kratzen die Stifte über das Papier. Yannik schreibt in fünf Minuten zwei Witze, ein Rätsel und einen Abzählreim. Doch glücklich scheint Ilona mit dem Ergebnis nicht. „Schreib doch noch eine kleine Geschichte. Oder gestalte die Seite noch etwas mehr.“ fordert sie den Fünftklässler auf. Der ist enttäuscht und hat plötzlich keine Lust mehr. Patzig liest er in seinem Comic. Zum Vorlesen wird man ihn für heute nicht mehr überreden können.

Wenn sich Kinder schämen, kann das sehr, sehr leise, aber auch unerhört laut sein. Jeremy traut sich noch nicht, den anderen seine Geschichten vorzulesen. Aybicke spricht kaum, um sich zu verständigen flüstert sie Ilona ins Ohr, die Aybickes Worte dann laut an die anderen weitergibt. Das türkische Mädchen schreibt meist traurige Geschichten – über eine „Arme Familie“ oder „Verlorene Träume“. Mohammed hingegen schreit sein „Liebes Gedicht“ in den Raum: „An einer Rose habe ich gerochen/ an einem Dorn mich gestochen/ mit Blut habe ich geschrieben/ ich werde dir für immer lieben.“ Der Halbstarke ist stolz und freut sich. Der Dativ ist dem Genitiv sein Feind. Ilona muss sich das Lachen verkneifen und lobt den Jungen.

Ilona wird, wie auch die anderen Lehrer, von den Schülern mit ihrem Vornamen angeredet. Die „Mitarbeiterin im Freizeitbereich“ der Schule betreut seit acht Jahren die Schreibwerkstatt und den Leseraum. Viel Geld verdient sie mit ihrer Honorartätigkeit jedoch nicht. Für zwei Stunden bekommt sie ca. 12 Euro, Vor- und Nachbereitungszeit der Stunden nicht mitgerechnet.

„Viele Schüler werden im Laufe der Zeit mutiger und öffnen sich,“ erzählt Ilona Zeise. „In ihren Geschichten spielen sie oft die Hauptrolle, beschreiben ihr soziales Umfeld, ihre Wünsche, ihre Ängste. Wichtig ist für die meisten dabei, alles wirklich gut und ohne Fehler zu schreiben. Dabei können sie hier genau so sein, wie sie sind.“

Der Raum 142 und die Schülerzeitung gehören den Kindern. Die Geschichten werden von Hand geschrieben, die Artikel zusammen kopiert. An den Wänden des Raumes hängen wilde Geschichten und bunte Bilder. Auf einem steht: „Die Schreibwerkstatt ist super, und Ilona auch.“

Jeanette Kunsmann
Berlin-Kreuzberg, 5. November 2009

Jenny Holzer

In Poesienalben dürfte sie ihre Sprüche wohl nicht schreiben – oder vielleicht gerade doch? Ihre Parolen und Textfragmente sind auf Plakaten, T-Shirts und auf Parkbänken, vor allem aber auf LED-Anzeigentafeln und Laufschriftbändern zu lesen. „Abuse of Power Comes as No Surprise“ – „I sleep beside you – I smell you on my…“ oder „ Denke daran – du hast immer die Wahl“ Die flirrenden LED-Schriftbänder der amerikanischen Künstlerin gaukeln eine poetische Schönheit vor, um auf den zweiten Blick zu verstören. „Holzer verlangt von uns, auf eine Welt einzugehen, in der Gut und Böse nebeneinander bestehen, wie Liebe und Hass in der Seele“, schrieb Henry Cole 2001 über die amerikanischen Installationskünstlerin.

Das Wort spielt in ihrer Kunst schon länger eine zentrale Rolle – unbeirrbar verknüpft sie immer wieder Ereignisse und Themen höchster Aktualität mit ihren Kunstwerken. Seit 1996 präsentiert Jenny Holzer in ganz Europa großformatige Lichtprojektionen von Texten im öffentlichen Raum (Outdoor Projections), seit 2004 auch in den USA. Dabei bewegen sich die LED-Buchstaben in verschiedensten Geschwindigkeiten, bleiben manchmal durch ihr rapides Tempo fast unlesbar. Es sind Banalitäten, Widersprüche, Ratschläge und Weisheiten, die erscheinen und verschwinden – eine Art leuchtendes Gemurmel. Das soeben erschienene Buch zeigt Fragmente aus Holzers Arbeiten – neben ihren bekannten Lichtinstallationen sind aber auch Zeichnungen und Bilder zu sehen. Texte und ein Interview mit der Künstlerin vertiefen diesen Katalog, drängen sich dabei aber nicht auf. Ich war am Ende etwas enttäuscht, hatte ich doch zwischen den Seiten ein verstecktes LED oder eine geheime Botschaft gesucht. (jk)

Made in Japan

Weiße, streng geometrisch geformte Bauten, schlichte leere Räume, die immer aufgeräumt sind, und papierdünne Wände – lässt sich die zeitgenössische japanische Architektur wirklich auf diese Attribute reduzieren? In den letzten Jahren sind in Japan eine Reihe gebauter Experimente, besonders im Wohnungsbau, entstanden. Sie zeigen uns kunstvolle Nutzungen minimaler Räume, mögliche Mischungen verschiedenster Funktionen und dass Bauen ein Prozess ist, das Wort Stillstand eine Unbekannte. Nichts hält für die Ewigkeit – selbst Tempelbauten werden meist nach dreißig Jahren abgerissen und neu gebaut…

Neue BauNetzWoche über japanische Experimente:

im Baunetz oder direkt www.baunetz.de/woche