jtkn

Monat: April, 2010

Lange her…

(erschienen in: Was ist Liebe, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2000)

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Du

Deine weißen Tennissocken
dein Bart, täglich frisch rasiert
deine selbst gedrehten Zigaretten
dein Lachen bei einem Witz von mir
deine selbst gewählte Einsamkeit
deine Selbstgerechtigkeit

deine T-Shirts, aus denen du die Waschanleitungen geschnitten hast
deine Armbanduhr auf dem Tisch, weil du sie zu Hause nie trägst
deine Prinzipien, die du niemals brechen wirst
deine Rituale, die du niemals ändern wirst
deine nackten Füße auf dem Parkett

dein starrer Blick aus dem Fenster
dein Stuhl, auf dem du nur du sitzen durftest
deine Nasenflügel, die beim Sprechen beben
dein Gesicht, das verblast
deine Seele, die verschwunden ist
das was bleibt ist wenig: Ich

(Jeanette Kunsmann/ Januar 2009)

Innen Stadt Außen

Andere kochen ja auch nur mit Wasser. Olafur Eliasson nebelt den Berliner Martin-Gropius-Bau bunt ein – sogar auf der Straße entflieht eine Nebelwolke aus dem ersten Stock. Daneben steht ein Einsatzwagen der Feuerwehr, „weil der Veranstalter es so wünscht“.

„Innen Stadt Außen” oder vielleicht auch „Außen Stadt Innen”? Eliasson will die räumlichen Grenzen des Museums auflösen. Zweckfrei sollen seine Kunstwerke sein, Begegnung, Verhandlung und Erlebnis sein. Die erste große Ausstellung in Berlin, eine Art lang erwartetes Heimspiel, zeigt keine Objekte, sondern Installationen „für Berlin in Berlin“. Einige der artifiziellen Eingriffe sind schon seit dem Winter im Berliner Stadtraum verteilt. Man konnte über Markierungen, Spiegel oder isländisches Treibholz stolpern.

Island, das Land spannender Naturprozesse, ist für Olafur Eliasson ein gutes Stichwort. Der Vulkan als Kunstwerk sei „sehr, sehr schön“, er sei schon gefragt worden, ob er sich ein Zertifikat habe ausstellen lassen. Mit seiner großen Brille und dem gelben Hemd lächelt er freundlich in die Runde. Der dänisch-isländische Künstler wirbt weiter für seine Heimat: „Island braucht auch Touristen. Es ist ein unglaubliches Ereignis, wenn man 30 Kilometer vom Vulkan entfernt steht, und spürt, wie die Erdkruste wie eine Membran vibriert.“ Naturereignisse und -gewalten spielen in vielen Arbeiten von Eliasson eine wichtige Rolle – erinnern wir uns an seinen Durchbruch mit der Installation in der Turbinenhalle der Londoner Modern „The Weather Project“.

In Berlin erwarten uns nun eine Reihe verschiedenster Arbeiten. Flaniert man durch die Ausstellung, trifft man auf Licht- und Schattenspiele (Your uncertain shadow), ein Wasserstrahlballett (Water pendulum), ein gigantisches Spiegelkabinett (Mikroskop) und farbigen Nebel (Your blind movement). Man wird überrascht, irritiert, verschluckt, verliert Orientierung und Wahrnehmung – Reflexionen, Nachtbilder, Farbe, Nebel, Licht, Regen. Der Nebel in den drei Museumsräumen stinkt übrigens nicht nach Großraumdisko stinkt und auch die Feuerwehr wirkt eher deplaziert. Eliasson spielt ja nicht mit dem Feuer.

Während also in Berlin Treibholz und verspiegelte Fahrräder nachgelegt werden (schon einige der „Kunstwerke“ sind verschwunden), wird am Mittwoch die eigentlich Ausstellung im Martin-Gropius-Bau eröffnet – und zwar am ersten Tag umsonst, denn eine große Grenze des Museums ist ja bekanntlich das Kassenhäuschen. (jtkn)

Innen Stadt Außen
29. April bis 9. August 2010
www.gropiusbau.de

erschienen auf jetzt.sueddeutsche.de

Istanbul

Istanbul, diese Stadt könnte eine tanzende schöne  Frau sein – oder auch ein bärtiger, alter Mann. Sie kann faszinieren, erschrecken, umarmen und verschlucken. Weiße Tauben fliegen durch den Dreck, während Frauen mit bunt gemusterten Kopftüchern aus Seide und hohen Pumps über die Straße eilen. Dahinter der Bosporus. Es riecht nach Freiheit – und nach Fisch.

Melancholie und Lebensfreude gehen hier Hand in Hand. Ebenso Armut und Reichtum, Tradition und Moderne. Eine Metropole voller Widersprüche und Kontraste. Ost und West. Ein Bild, das man kaum beschreiben kann, sondern erleben muss.

Der Hamburger Fotograf Andreas Herzau zeigt nun – pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr 2010 – eine Sammlung von Momentaufnahmen. Der Titel bleibt sachlich und nennt die Stadt beim Namen, die Bilder sprechen für sich. Die Diskussion über einen möglichen EU-Beitritt der Türkei war für Herzau ein Grund, sich näher mit dem Land auseinander zu setzen. In Istanbul – auf der Grenze zwischen Europa und Asien – zeigen sich viele der Herausforderungen konzentriert. Kopftuchdebatte, Kebab und Gebetsstunden, Sonnenbrillen und Schaufenster im Pariser Chick, Marmor und Beton – und über Allem: die strahlende Mondsichel zusammen mit dem Stern des Islams.

Das Buch zeigt eine Bandbreite aller Genres; eine gelungene Mischung aus Reportage-, Architektur-, Landschafts-, Mode- und Portraitfotografie. „Istanbul besteht aus vielen Städten, in der sich alle verbergen“, schreibt die türkische Schriftstellerin Elif Shafak in ihrem Essay. Besser kann man die Stadt kaum in Worte fassen, die Bilder dazu zeigt Andres Herzau. (Jeanette Kunsmann)

Übrigens: Andreas Herzau präsentiert seinen Bildband „Istanbul“ am 29. April 2010, 19.30 Uhr, in der Hamburger Buchhandlung stories!. Um Voranmeldung wird gebeten: info@stories-hamburg.de

Istanbul
Andreas Herzau
Hatje Cantz, April 2010
Vorwort von Andreas Herzau, Text von Elif Shafak
Deutsch, Englisch
144 Seiten, 90 farbige Abb.
Hardcover, 29 x 27 cm
29,80 Euro


(erschienen in der Baunetzwoche#170)

Die Brille


Neulich diskutierte ich mit einem Freund über Brillen. Er hat seit kurzem eine Verkrümmung der Hornhaut, kann also keine Kontaktlinsen tragen und sollte seine Augen auf Dauer nicht überanstrengen. Deshalb hat er jetzt eine Brille (im zarten Alter von 31 Jahren) und fühlt sich verkleidet.

Kurz und gut, eben dieser Freund bezeichnet sich selbst als überzeugten „Brillen-Nazi“, also eine Person, die Menschen mit Brille auf der Stelle extrem hässlich und abstoßend findet (diese Beschreibung ist leicht übertrieben, aber, wie jeder weiß, werden nur übertrieben dargestellte Inhalte gehört). Bei Frauen sei eine Brille wirklich besonders schlimm. Nein, Frauen sollten grundsätzlich keine Brillen tragen dürfen. Eine Meinung, über die man lachen oder weinen kann. Zum Glück trage ich keine Brille, ich sehe überdurchschnittlich gut und habe auch kaum Brillenträger in der Familie. Eine Brille ist für mich unvorstellbar, dieser Fremdkörper wäre für mein Gesicht die absolute Verstümmelung – die Vorraussetzungen für eine absurde Telefondiskussion waren also perfekt.

Mein Brillen-Hasser-Freund hat jetzt also eine Brille – fragt man sich, wie geht dieser Mensch mit einer solchen Situation um? Erstens: Er kauft sich selbstverständlich nicht irgendeine Brille, nein, jemand wie er braucht – so viel steht fest – eine ganz besondere. Zweitens: Was sich immer super anhört und wahrscheinlich noch besser anfühlt, ist, Kleidung und Verkleidung in New York zu kaufen. „Wow, schöner Pulli!“ – „Den habe ich aus New York.“ So schnell kann ein Stück Stoff mystifiziert und für alle anderen unerreichbar werden. Drittens: Diese besondere Brille aus New York haben selbstverständlich bisher auch nur besondere Menschen getragen und zwar: Viertens: Wahnsinnig attraktive und/oder begehrte Männer, die eine Brille einfach gut tragen können, weil sie alles tragen können.

Ich staune über diesen zugegeben extrem ausgereiften Plan und denke, er hätte auch von einer Frau stammen können (aus Spaß treiben wir das Spiel mit den Männer-Frauen-Klischees einfach weiter). Frauen haben die Fähigkeit, sich 100 Prozent selbst auszutricksen, da sie sich und ihr Ego zu 200 Prozent kennen. Nun also diese Luxus-Brillen-Geschichte aus New York und die stolze Andeutung, diese Brille sei die Brille von Johny Depp und James Dean, eben eine wahre Helden-Brille. Eine Brille, bei der die Frauen reihenweise umfallen würden. Wahnsinn. Und dann noch in Kombination mit einem Hut: Unschlagbar.

Während ich mich frage, ob man eine Brille aufsetzt, aufzieht oder auf hat (der Duden spricht an dieser Stelle vereinfacht vom Brillenträger), schwärmt mein Freund weiter von seiner Brille. Vielleicht ist dieses für ihn angeblich so einschneidende Erlebnis gar nicht so negativ immerhin hat er glückliche 31 Jahre ohne Brille gelebt, da hatten andere schon im Kindergarten Lupenbrillen, im schlimmsten Fall noch mit einem abgeklebten Auge. Und vielleicht sieht er ja wirklich richtig gut aus und die Brille aus New York macht ihn noch interessanter? Ich muss lachen, da sein Redefluss kaum zu stoppen ist und unterbreche ich mitten im Satz, wann er mir seine neue Brille denn mal zeigen würde. Doch klar, eine persönliche Brillenmodenshow habe ich mir fürs erste verscherzt. Schade.

Letztendlich durfte ich ihn und seine Brille doch noch sehen, und ich muss zugeben, ich war wirklich überrascht – ja fast neidisch. Im Grunde hätten wir uns die stundenlange Diskussion sparen können, und er hätte mich mit seiner Brille einfach überrascht. (jtkn)

erschienen auf jetzt.sueddeutsche.de

Neukölln Unlimited


„Ich bin kein Libanese und auch kein Deutscher – ich bin Berliner!“, laut, stolz und selbstbewusst antwortet Hassan auf die Frage nach seiner Nationalität. Als Berliner können sich rund 3,5 Millionen Menschen bezeichnen – auch das Gros der Leute aus dem Publikum. Die meisten hier würden sich diese Frage jedoch wahrscheinlich gar nicht stellen. Sie haben einen Pass, einen festen Wohnsitz, einen Job oder einen Studienplatz. Wir sind in Kreuzberg, in dem kleinen Programmkino Moviemento, in dem am gestrigen Sonntag der neuen Film „Neukölln Unlimited“ von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch präsentiert wurde.

Es ist warm und die Luft riecht verbraucht in dem ausverkauften Kinosaal. Vor der Leinwand stehen die drei Geschwister und Protagonisten des Films: Hassan (18), Lial (19) und Maradonna (14). Glücklich und zufrieden sehen sie aus, die drei Jugendlichen aus dem Brennpunkt Neukölln, aber auch etwas schüchtern. Zwei von ihnen haben eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung; der Jüngste wird in Deutschland geduldet, muss jeden Tag mit einer Abschiebung rechnen. Permanenter Psychoterror im Kopf, ein Alltag mit ständigem Zittern – schon über 16 Jahre ist die Familie Akkouch von der Abschiebung in den Libanon bedroht, soll zurück in ihre angebliche Heimat. Doch was ist Heimat? „Wir sind hier aufgewachsen, gehen hier zur Schule, sprechen Deutsch und haben hier unsere Freunde! Wie soll ich jetzt noch Arabisch lernen, das ist schwerer als Deutsch, ich schwöre!“, Lial erklärt ihre Situation mit einer großen Wut im Bauch.

Das Schlimmste für die Familie ist die ungleiche Behandlung: Während Hassan und Lial in Deutschland das nächste Jahr offiziell bleiben dürfen, werden ihre Mutter und ihre kleineren Geschwister nur geduldet – „Wie können sie Familien auseinander reißen?“, fragt Hassan mit einem stillem Entsetzen den Berliner Innensenator Körting in einer Szene des Films. Migranten, Immigranten oder Menschen mit Migrationshintergrund – der Dokumentarfilm thematisiert Schicksal und Alltag der in Deutschland lebenden Ausländer.

„Ekelhaft“ sei das Gefühl, dass jeden Morgen die Polizei vor der Tür stehe könnte. So wie vor fast zehn Jahren, als die gesamte Familie Akkouch zum ersten Mal abgeschoben wurde. Dieses menschenunwürdige Szenario wird als Comic erzählt – ein Trauma, an das die Familie nicht erinnert werden will. Dass die Immigrationspolitik schwere Folgen haben kann, Folgen für Menschen, werde gerne vergessen, schildert Hassan. Seine Schwester erkrankt an eine schweren Bulimie, Maradonna an ADS und am Schlimmsten: seine Mutter erleidet ihren ersten epileptischen Anfall, der von den Beamten ignoriert wird.

„Neukölln Unlimited“ erzählt mit einer fast unerträglichen Tiefe und einem ebenso lebenslustigem Humor das Leben der Akkouchs. Die Jugendlichen flüchten sich in die schallend bunte Welt des Hip Hops, drücken sich mit Hilfe von Breakdance und Gesang aus. Alle drei verfügen über Talent, haben Biss und so auch Erfolg in dem, was sie tun. Harte Beats und schnelle Bilder unterstreichen ihre Lebenssituation. Und von Maradonna lernen wir, dass man Bügeleisen einparfümieren kann, um stets umwerfend gut zu riechen.

Imondi und Ratsch zeigen mehr als einen lebendigen Blick hinter die Häuserfassaden der Neuköllner Karl-Marx-Straße. Sie verzichten auf gängige Klischees oder Pauschalisierungen, und leisten ein großes Stück Integrationsarbeit. Am Ende möchte man die Protagonisten am Liebsten umarmen.

Jeanette Kunsmann, 12. April 2010

www.neukoelln-unlimited.de



Insel Hombroich

Eine verträumte Parklandschaft, schneeweiße Ausstellungsräume und in der Ferne das konstante
Rauschen der Autobahn – ein Besuch des Kulturraumes Hombroich am Niederrhein. Mehr

(erschienen im BauNetz am 9. April 2010)


Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

„Kah-eins, Schwester Elisabeth“, trällert die ältere Dame fröhlich ins Telefon und wartet. „Moment, ich gucke.“ Sie schaut auf den Flur. „Hat sich die Frau Risse etwa schon aus dem Staub gemacht? Die hat doch normalen Dienst heute! Wir brauchen sie auch gleich hier. Jahaa, tschüsschen!“ Ein kurzer Blick zur Uhr, ein schneller Blick auf die weiß, blau verschmierte Tafel im Schwesternzimmer. 13.20 Uhr. Sie nickt zufrieden, heute läuft alles nach Plan. Außer, dass die Assistenzärztin verschwunden ist.

Es ist ein kalter Sonntag, draußen rieselt leise der Schnee. Auf der Kinderstation 1, kurz K1, im ersten Stock der Dortmunder Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, ist es warm und laut. Auf dem Flur tobt ein Kind, irgendwo schreit ein anderes und das Telefon klingelt im Fünf-Minuten-Takt. Die Fenster sind noch liebevoll weihnachtlich geschmückt. Hinter großen Türen liegen in den Zimmern Kinder mit Tumor- und Bluterkrankungen – Stoffwechselkinder, Abklärungskinder oder Beobachtungskinder werden sie genannt. Ihre Krankheiten sind chronisch, manchmal tödlich, die Station ihre gewohnte Umgebung. Ihre Eltern können bei ihnen im Zimmer übernachten und ab und zu, wenn es die Werte erlauben, geht’s heim.

Schwester Elisabeth arbeitet seit 40 Jahren auf der K1, gehört sozusagen zum lebenden Inventar. Die große, grauhaarige Frau hat eine sehr freundliche, aber dominante Stimme. Sie lächelt viel und wird von den Kindern geliebt. Wenn die Station ein Herz hat, dann ist es Schwester Elisabeth. Sie hatte schon immer ein Helfersyndrom, sagt sie, wollte schon als junges Mädchen unbedingt Kinderkrankenschwester werden. „Ich gehe gerne zur Arbeit, doch, dass kann ich schon so sagen. Nur dass ich vieles von der Arbeit nach Feierabend auch mit nach Hause nehme“, sie seufzt. Mit den Jahren ist sie eine starke Frau geworden, ihre Ängste der Realität gewichen. „Gerade habe ich erfahren, dass der kleine Emre auf Intensiv verlegt worden ist. Und eigentlich muss ich jetzt gleich mal mit Frau Doktor Risse zum Ben. Der soll nämlich noch heute nach Hause.“

Ben blickt kurz auf, als Schwester Elisabeth, 62, und Schwester Susi, 41, mit Frau Doktor Risse, 29, im Schlepptau in sein kleines Zimmer treten. Alle tragen einen Mundschutz. Für  Ben, der an Leukämie erkrankt ist, könnte der kleinste Schnupfen tödlich enden. Im Hintergrund, oder vielmehr Vordergrund, läuft der Fernseher – Toggo TV. Der Zweieinhalbjährige sitzt blass auf dem Bett und spielt gelangweilt mit seinen Autos. Ein trauriger Raum. „Mach ma Örniie!“ kreischt er und sieht die drei Frauen erwartungsvoll an. Das Quietsche-Entchen ist sein persönlicher Star, das Lied ein Muss, wenn man zu Ben ins Zimmer kommt. Mit geübten Handgriffen und flinken Fingern nimmt Frau Doktor Risse beiläufig Blut ab. Nachdem die Blutwerte da sind, wird eine Transfusion angehängt. „Blut läuft, Kochsalz läuft, Kind fit!“ Draußen wird es langsam dunkel.

16 Uhr. Elisabeth Ehresmann unterdrückt ein Gähnen. Gestern hatte sie Spätdienst, heute Zwischenschicht – es ist ihr achter Arbeitstag in Folge. Sie nimmt ihre Brille ab, um sie zu putzen. „Die Pflege ist ein wichtiges Mittel, um einen engen Bezug zum Kind und zu den Eltern aufzubauen“,  erläutert sie. „Je besser man ein Kind kennt, desto mehr kann man ihm helfen.“ Sie gähnt leise. Ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht. „Zum Glück hatten wir längere Zeit keinen Palliativpatienten mehr – außer Emre geht es allen gut. Schrecklich – vor allem wenn muslimische Kinder sterben müssen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Die trauern ganz anders, sehen den Tod des Kindes als Bestrafung.“

Sie zeigt das leere Zimmer von Emre. „Kinder kennen ihren Körper besser als wir Erwachsenen“, erklärt sie. „Die merken, wenn es soweit ist, verabschieden sich von allen, verteilen ihr Hab und Gut, ihr Spielzeug, denn sie wollen, dass man sich an sie erinnert. Das ist richtig unheimlich.“ Am Bettende liegt ein Teddy, ein heiß geliebter Fetzten, der anscheinend immer dabei war und nicht mit auf die Intensivstation durfte. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken.

Schwester Elisabeth notiert etwas in das schwarze Buch. Am Ende einer jeden Krankenakte wartet oft der Tod. 17 Uhr. Das Telefon klingelt wieder. Schwester Monica aus der Frühchenstation soll sich ab jetzt um Emre kümmern. „Oh je, das ist wirklich gemein. Die ist noch ganz jung und hatte noch nie mit austherapierten Patienten zu tun!“ Für Schwester Elisabeth ist es noch eine Stunde, dann wird sie ihren hellblau gestreiften Kittel ausziehen, ihre weißen Crocs in den Schrank stellen und als Elisabeth Ehresmann nach Hause fahren.

Am Flurende hängt eine kleine Galerie mit Fotos der verstorbenen Kinder, gemalten Bildern und Abschiedsbriefen. Trauer kann auch bunt sein. Maurice, Laura, Basti und die anderen – alle nicht älter als vier Jahre, ohne Haare und im Krankenhaus fotografiert. Trotzdem lachen die Kinder auf den Fotos, gucken wissend und nicht fragend in die Kamera. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand!

(jk, Dortmund, Januar 2010)