jtkn

Monat: Juni, 2010

Was draußen wartet – die 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

Plötzlich steht man in der großen weißen Ausstellungshalle und schaut auf einen Rohbau aus rauen Holzbalken, während in der Ecke auf dem Boden in aller Seelenruhe ein Huhn rumpickt. So sieht also die Kunst auf der diesjährigen Berlin Biennale aus. Die Türen der Berliner Kunst-Werke sind vernagelt, die Besucher müssen durch den Keller in den „White Cube“ kriechen um in dann Etage für Etage zu erobern.

Im zweiten Stock dann die übersteigerte Überhöhung des weißen Kunstkubus: ein hochweiß strahlender Raum, der, eingehüllt in leichten Nebel, jedes Augenpaar zum blinzeln bringt. Ein wenig erinnert uns das an Olafur Eliassons Nebelräume im Martin-Gropius-Bau. „Statt dem Nebel hätten sie mal ruhig Trockeneis nehmen können“, schimpft ein älterer Herr. Recht hat er – eine Kühlkammer im Museum wäre angesichts der schwülen Temperaturen zur Eröffnung dieser Biennale eine äußerst angenehme Sache gewesen.

Neben den Kunst-Werken in der Auguststraße gehören noch fünf weitere Orte zu diesjährigen Berlin Biennale, darunter das leer stehende Kaufhaus am Kreuzberger Oranienplatz, eine Lagerhalle und die Alte Nationalgalerie. Es gibt auch sonst viel zu entdecken. Überall in Kreuzberg sieht man die schwarz-weiß Plakate mit Frauen, die nur in Ausschnitten zu sehen sind. Michael Schmidt hat sie im städtischen Raum inszeniert, dessen Fotoserie „Grau als Farbe“ zurzeit auch im Münchener Haus der Kunst zu sehen ist.

Ob wir an die Wirklichkeit glauben, fragt uns die Wiener Kuratorin Kathrin Rhomberg.  Denn wenn es ein Thema gibt für diese Biennale, dann ist es die Wirklichkeit: „Sie holt uns ohnehin sprichwörtlich ein – immer. Aber wovon sprechen wir hier denn überhaupt? Die Wirklichkeit ist doch nichts, woran man glauben müsste.“ Die Arbeiten der insgesamt 43 Künstler blicken alle nach „draußen in die Wirklichkeit“, distanzieren sich von ihr, spielen mit ihr oder provozieren den Besucher in seiner eigenen Wirklichkeit. Etwas nüchtern klingt daher der Titel dieser Biennale: „Was draußen wartet“.

Übrigens – hinter dem hölzernen Rohbau in den Kunst-Werken verbirgt sich natürlich auch eine Geschichte. Petrit Halilaj hat die Negativform seines Elternhauses in Prishtina, das zerstört wurde, als Holzkonstruktion in den großen Ausstellungsraum der Kunst-Werke geschachtelt. Der 1986 im Kosovo geborene Künstler floh als Kind vor dem Krieg in Jugoslawien nach Deutschland, nun will er in Berlin seine Kindheitserinnerungen wiederbeleben, samt Huhn und Hühnerstall. (jk)


6. Berlin Biennale: noch bis 8. August,
Di-So 10-19, Do bis 22 Uhr

Orte: Kunst-Werke, Auguststr. 69 und Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1-3 in Berlin-Mitte/ Oranienplatz 17/  Dresdener Str. 19/ Kohlfurter Str. 1 und Mehringdamm 28 in Berlin-Kreuzberg

www.berlinbiennale.de


(erschienen am 18. Juni 2010 in der Baunetzwoche#178)

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Alle guten Dinge sind drei

Andre sitzt neben mir auf dem Sofa und rutscht unruhig hin nun her. Wie es mir denn so gehen würde. Alles klar. Gequälter Smalltalk zu schlechter Musik und noch schlechterem Wein. Genau das richtige für einen Montagabend.

Wochenlang habe ich ihn ignoriert, aber nach gefühlten 50 SMS, „wann ich ihn denn endlich mal in seiner neuen Wohnung besuchen würde“, dachte ich: Ok, schau ich da doch mal endlich vorbei, ist ja auch um die Ecke. Die Neugier siegt schließlich immer. Und nun sitze ich neben meiner März-Affäre auf dem neuen grauen Sofa, das übrigens nicht nur ihm, sondern auch seiner neuen Freundin Marisol gehört. Es ist halb neun und draußen wird es langsam Sommer.

„Und, wie sind deine neuen Nachbarn so?“ frage ich ihn schnippisch. „Ja, ja geht schon. Ein bisschen spießig“, Andre starrt mich die ganze Zeit an, während wir reden. „Ach, so wie du?“ kontere ich und muss anfangen zu lachen. Andre ist empört, versucht aber gar nicht, sich zu rechtfertigen. Warum auch? Er und dieser Wohnung passen wie gesucht und gefunden zusammen. Ich lache noch etwas lauter und halte ihm mein leeres Glas hin. „Bitte noch etwas von dem schlechten Wein.“ Der Abend könnte vielleicht noch ganz lustig werden, denke ich.

Da klingelt sein Handy. „Sag mal, wär das jetzt okay für dich, wenn Marisol gleich kommt?“ Aha. „ Ja, klar. Nee, ist doch nett, dann lern ich die mal kennen. Und außerdem wohnt sie hier ja auch.“ Andre freut sich und schreibt ihr schnell zurück. Ich gehe kurz auf die Toilette. Fünf Minuten später steht Marisol in der Tür. Eine wahnsinnige Schönheit mit langen schwarzen Haaren und noch längeren Beinen. Ihre Augen sind dunkel wie die Nacht in Asien – und ihr Rock hat die Maße meines Gürtels.

„Hey! Wie schön, jetzt lernen wir uns endlich mal kennen“, haucht sie mir entgegen. Eine rauchige Stimme hat sie also auch noch. Wahnsinnsfrau! Wahnsinnsdachgeschosswohnung. Warum bin ich eigentlich hier, frage ich mich. Denn nun sitze ich zwischen Marisol und Andre auf ihrem neuen Sofa und beide lächeln mich völlig debil an. Ich grinse zurück, einmal nach links zu Andre und etwas länger nach rechts zu ihr. Sollen sie sich ruhig freuen. Überall brennen Kerzen und aus den Bang & Olufsen Boxen ertönt leise das Wimmern von Radiohead.

Wir reden also ein bisschen, trinken den schlechten Wein, der mit der Zeit etwas besser schmeckt, und lachen weiterhin völlig debil. Beide sind wahnsinnig nett – nur überhaupt nicht lustig. Irgendwann wird es mir zu blöd. Ich überlege kurz noch, doch dann denke ich, dass eigentlich im Moment eh alles egal ist. „Und wie ist das jetzt?“ frage ich – nach links und nach rechts. Da weder von links noch von rechts eine Antwort kommt, schieße ich hinterher: „Also Andre, ist das jetzt hier die Einladung zu einem Dreier, der wie hast du dir das vorgestellt?“ Stille. „Häh? Nee, das verstehst du jetzt falsch.“ Andre wird rot und Marisol lacht – etwas gequält klingt dieses Lachen. „Aber entspann dich doch einfach ein bisschen.“ Andre geht in die Küche und kommt mit einer neuen Flasche Wein zurück.

„Nee, du“, säuselt er nun, „ so war das wirklich nicht gemeint. Aber die Atmosphäre ist doch eigentlich gerade ganz passend, oder?“ Ich gucke ihn an, dann Marisol, dann wieder ihn. Ich fasse es nicht. Es war so offensichtlich, wie ich zwischen den beiden sitze, es ist so offensichtlich, wie beide mich nun anstarren, denke ich. Dann wieder das debile Grinsen von Marisol. Oh Mann, wie einfach ihr euch das denkt, frage ich mich. Wie albern das ist!

„Na ja, also ihr wisst schon, dass das so nicht funktioniert, oder? Ich meine, dafür braucht man keine Duftkerzen, Wein und diese pseudoromantische Softpornoatmosphäre. Dafür braucht man den richtigen Moment, und den kann man nicht herbei zaubern, der passiert einfach so!“

„Aber nein, entspann dich doch einfach, wir können ja auch noch ein bisschen reden.“ Andre plappert munter, als wäre nichts. „Hey, ich bin total entspannt“, entgegne ich, „wirklich!“ „Jaaa?“ ertönt es im Chor aus beiden Richtungen und beide werfen mir ihr schönstes Lächeln entgegen. „Ja. Aber ganz ehrlich – so wie ihr das ihr euch für heute Abend vorgestellt habt, funktioniert es nun mal nicht.“ Und um das Ganz noch zu toppen, füge ich hinzu: „Wirklich, glaubt mir, ich hatte das erst letzte Woche. Es war wunderbar, hat sich aber einfach so ergeben und war deswegen so großartig, weil keiner vorher drüber nachgedacht hat!“ Stille. Ein Seufzen von rechts. Und von links Protest: „Nee, wirklich, das glaube ich dir jetzt nicht. Das sagst du doch nur so, oder? Andre ist nun völlig verwirrt und aus seiner Abendplanung gerissen. Er hat komplett die Kontrolle verloren und: sich nicht nur vor mir, sondern auch vor Marisol, völlig bloßgestellt. Die schaue mich in diesem Moment ganz verbunden an.

„Na gut, also, war nett mit euch. Und wirklich, ihr seid ganz tolle Menschen, aber ich geh dann mal“, sage ich ganz locker in Runde und stehe auf. Wie schön sich das anfühlt, gleich zwei gut aussehenden Menschen einen Korb zu geben! Entsetzte traurige Augenpaare streifen mein Gesicht. Wie er sich das wohl vorgestellt hat? Wie dumm man sein kann, frage ich mich und schüttle den Kopf. Ich werfe beiden eine Kusshand zu und geh zur Wohnungstür. „Adieu ihr zwei. Und einen schönen Abend noch!“ Ich werfe die Tür zu und nehme laut lachend zwei Stufen auf einmal. Was für eine absurde Situation! Wie die beiden sich jetzt fühlen müssen!

Als ich zu Hause bin und auf mein Handy gucke, steht da: „Komm schnell zurück und entspann dich mit uns!“ 

(jtkn/ erschienen auf jetzt.sueddeutsche.de)

Prägnante Antworten zum Ort

Wettbewerb Parklandschaft Tempelhof geht in die 2. Phase

(Topotek 1, Berlin und Dürig Architekten, Zürich)

Was macht man mit einer riesigen Grünfläche mitten in der Stadt – vor allem, wenn diese die Ausmaße von über 500 Fußballfeldern hat und zuvor jahrzehntelang als Verkehrsflughafen genutzt wurde? Einen Park, eine ganze Parklandschaft! Doch wie soll so eine Landschaft, umgeben von Urbanität aussehen, wie soll sie gestaltet sein?

Diese Frage war Grundlage des landschaftsplanerischen Wettbewerbs „Parklandschaft Tempelhof“, der im März 2010 von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ausgelobt wurde. Insgesamt haben 78 internationale Architektenteams eine Antwort abgegeben; am Samstag wurde sechs Arbeiten ausgewählt, die laut Senatsbaudirektorin Regula Lüscher „prägnante Antworten zu dem Ort geben“:

  • BASE Landschaftsarchitekten, Paris; anOtherArchitect, Berlin
  • bbzl böhm benfer zahiri landschaften städtebau, Berlin
  • Capatti Staubach Landschaftsarchitekten Berlin; Christoph Mayer Architekt, Berlin
  • gross.max Landschaftsarchitektur Edinburgh; Sutherland and Hussey, Architects, Edinburgh
  • Rehwaldt Landschaftsarchitekten, Dresden; Rohdecan Architekten, Dresden
  • Topotek1 Landschaftsarchitekten, Berlin; Dürig Architekten, Zürich

Die sechs Arbeiten, die nun in die zweite Phase gehen, wirken zusammen wie ein buntes Ideen-Potpourri. Während bbzl eine „Parkfassung“ um das „Wiesenmeer“ vorschlagen, haben Capatti Staubach ein Spannungsfeld aus Natur, Landschafts- und Agrarpark entwickelt. Topotek 1 verteilen monströse Kreuze in der Landschaft, die an die Vermessungskameratechnik der Luftfahrt erinnern sollen, und „als große Möbel im Verhältnis zur Größe des Parks die Möglichkeit schaffen, Sequenz und Raum auf der Fläche lesbar zu machen“. Die Franzosen von BASE schweben mit ihrem „Airpark“ zwischen Airpot und Park, ein dazwischen, das vielleicht eine „Landstadt“ werden könnte. Eine neue dynamische Figur, die den gesamten Ort umfasst, wollen gross.max etablieren, und Rehwaldt Landschaftsarchitekten verwandeln Tempelhof in ein „Offenland“.  Hier sollen „Temploide“, das sind speziell geformte Ballone, jedem einen persönlichen Luftsprung oder Flugversuche ermöglichen.

Das Ergebnis des Wettbewerbes habe gezeigt, dass kein Entwurf alle Aspekte der Auslobung erfüllen könne, sondern dass Prioritäten gesetzt wurden, um charaktervolle Parkentwürfe zu präsentieren, erläuterte Lüscher das Urteil der Jury.

Die Senatsbaudirektorin ist durchaus zufrieden. Die Entwürfe der ausgewählten Projektteams bilden die Grundlage für eine offene Debatte über die Zukunft des Parks. Gemeinsam mit den anderen Wettbewerbsentwürfen sollen die ausgewählten Vorschläge voraussichtlich Ende August 2010 öffentlich ausgestellt werden. Die endgültige Entscheidung über das Konzept für die Parklandschaft fällt dann Mitte Dezember 2010. 2017 soll auf dem Gelände eine Internationale Gartenschau stattfinden.

(erschienen in den BauNetz-Meldungen, 15. Juni 2010)

(Capatti Staubach Landschaftsarchitekten Berlin; Christoph Mayer Architekt, Berlin)

(gross.max Landschaftsarchitektur Edinburgh; Sutherland and Hussey, Architects, Edinburgh)


(BASE Landschaftsarchitekten, Paris; anOtherArchitect, Berlin)

Klimakapseln

Treffen sich ein Architekt, ein Flüchtling, ein Sandmann, ein Pflanzer, ein Wettermacher, ein Sonnenlenker, ein Terminator, ein Widerstandskämpfer und ein Kapitän in Zeiten des Klimawandels. Jeder weiß am besten, wie er aus der Krise flüchtet und wählt seine eigene Strategie.

Der Architekt träumt von einer Seifenblase, der Flüchtling wartet auf die schwimmende Insel, der Sandmann bewacht die Kapselstadt mitten in der Wüste, der Pflanzer findet seinen Schutz im Garten Eden, der Wettermacher kämpft gegen die Wolken, der Sonnenlenker zeigt sich als Spezialist im Geo-Engineering, während der Terminator mit einer Zeitkapsel in die Zukunft reisen kann, der Widerstandskämpfer gegen die uniformen Gesetze der Kapselwelt ankämpft und der Kapitän von seinem Schiff Ausschau nach Flüchtlingsbooten hält – neun Szenen mit neun Protagonisten. Neun mögliche Handlungsweisen, die sich ergänzen oder auch ausschließen.

Verknüpft mit dem Glossar, das übrigens mehr als doppelt so viele Seiten wie die Portraits hat, erzählen Kurzgeschichten in einer Mischung aus Phantasie, Referenzen und O-Tönen eine mögliche Geschichte von Utopia. Anstelle eines Katalogs begleitet also dieses Suhrkamp-Heftchen die gleichnamige Ausstellung. Deshalb will die Textcollage vor allem eins: erklären und aufklären.

„Klimakapseln.Überlebensbedingungen in der Katastrophe” gibt einen guten Überblick über Projekte, in deren Rahmen sich Künstler, Regisseure und Architekten in den letzten Jahrzehnten mit dem Thema Klima befasst haben. Ergänzend zur Ausstellung eine gute Lektüre, die man aber wohl kaum im Park lesen wird – dafür ist sie dann doch etwas zu nüchtern. (jk)

Klimakapseln
Friedrich von Borries,
Edition Suhrkamp,
208 Seiten, 14 Euro

(jtkn/erschienen im BauNetz am 4. Juni 2010)

Die Frau vor dem Spiegel,
ein kurzer Blick, ein Schluchzen,
eine Tür schlägt zu.
Ein starrer Blick in den Spiegel.
Ein Knall.

Ich verpasse die U-Bahn und komme zu spät
in die Disko.

Die Frau vor dem Spiegel.
Die Fliesen im Bad sind genauso
schmutzig wie ihre Seele,
Ihre Augen starren an ihren Augen vorbei,
dann auf den Boden,
keine Tatsachen, bloße Vermutungen,
liegen dort.

Auf dem Herd kochen
noch die Nudeln,
die du essen wolltest.

Die Frau vor dem Spiegel
kämmt sich die Haare.
Ein Mund, ganz ohne Ton.
Stumme Bewegungen.

Was ich am Ende mit meinem Kaugummi
machen soll, frage ich mich oft.
Wohin damit?

Die Frau vor dem Spiegel
trägt einen gestreiften Pullover,
dabei ist ihr Charakter
doch klein kariert.

Ich schaue in den Kühlschrank
und blicke in ein Leben im Singular.

Die Frau im Spiegel
riecht nach weißer Bettwäsche und
rot lackierten Fußnägeln.

Ein Echo, das sich wiederholt.
Eine Live-Übertragung, die stockt.
Ein Ton, der gefriert und dann stoppt.
Woher kommt diese Gelassenheit,
die so schallend laut lacht?

Ein Dialog, der keiner ist.
Die Stille dreht sich im Kreis.
Ein Ende, das zu Ende ist.
Leise Geräusche, die man nicht sieht.
Ein Flüstern, das nicht mehr stottert.
Ein Wind, ein Stoß.
Kein Blick und kein Knall.
Ein Ende, das zu Ende ist.

Die Frau vor dem Spiegel
steht schon lange nicht mehr dort.

(ohne Titel/ jtkn/ Mai 2010)