von jtkn

Die Frau vor dem Spiegel,
ein kurzer Blick, ein Schluchzen,
eine Tür schlägt zu.
Ein starrer Blick in den Spiegel.
Ein Knall.

Ich verpasse die U-Bahn und komme zu spät
in die Disko.

Die Frau vor dem Spiegel.
Die Fliesen im Bad sind genauso
schmutzig wie ihre Seele,
Ihre Augen starren an ihren Augen vorbei,
dann auf den Boden,
keine Tatsachen, bloße Vermutungen,
liegen dort.

Auf dem Herd kochen
noch die Nudeln,
die du essen wolltest.

Die Frau vor dem Spiegel
kämmt sich die Haare.
Ein Mund, ganz ohne Ton.
Stumme Bewegungen.

Was ich am Ende mit meinem Kaugummi
machen soll, frage ich mich oft.
Wohin damit?

Die Frau vor dem Spiegel
trägt einen gestreiften Pullover,
dabei ist ihr Charakter
doch klein kariert.

Ich schaue in den Kühlschrank
und blicke in ein Leben im Singular.

Die Frau im Spiegel
riecht nach weißer Bettwäsche und
rot lackierten Fußnägeln.

Ein Echo, das sich wiederholt.
Eine Live-Übertragung, die stockt.
Ein Ton, der gefriert und dann stoppt.
Woher kommt diese Gelassenheit,
die so schallend laut lacht?

Ein Dialog, der keiner ist.
Die Stille dreht sich im Kreis.
Ein Ende, das zu Ende ist.
Leise Geräusche, die man nicht sieht.
Ein Flüstern, das nicht mehr stottert.
Ein Wind, ein Stoß.
Kein Blick und kein Knall.
Ein Ende, das zu Ende ist.

Die Frau vor dem Spiegel
steht schon lange nicht mehr dort.

(ohne Titel/ jtkn/ Mai 2010)

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