Was draußen wartet – die 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

von jtkn

Plötzlich steht man in der großen weißen Ausstellungshalle und schaut auf einen Rohbau aus rauen Holzbalken, während in der Ecke auf dem Boden in aller Seelenruhe ein Huhn rumpickt. So sieht also die Kunst auf der diesjährigen Berlin Biennale aus. Die Türen der Berliner Kunst-Werke sind vernagelt, die Besucher müssen durch den Keller in den „White Cube“ kriechen um in dann Etage für Etage zu erobern.

Im zweiten Stock dann die übersteigerte Überhöhung des weißen Kunstkubus: ein hochweiß strahlender Raum, der, eingehüllt in leichten Nebel, jedes Augenpaar zum blinzeln bringt. Ein wenig erinnert uns das an Olafur Eliassons Nebelräume im Martin-Gropius-Bau. „Statt dem Nebel hätten sie mal ruhig Trockeneis nehmen können“, schimpft ein älterer Herr. Recht hat er – eine Kühlkammer im Museum wäre angesichts der schwülen Temperaturen zur Eröffnung dieser Biennale eine äußerst angenehme Sache gewesen.

Neben den Kunst-Werken in der Auguststraße gehören noch fünf weitere Orte zu diesjährigen Berlin Biennale, darunter das leer stehende Kaufhaus am Kreuzberger Oranienplatz, eine Lagerhalle und die Alte Nationalgalerie. Es gibt auch sonst viel zu entdecken. Überall in Kreuzberg sieht man die schwarz-weiß Plakate mit Frauen, die nur in Ausschnitten zu sehen sind. Michael Schmidt hat sie im städtischen Raum inszeniert, dessen Fotoserie „Grau als Farbe“ zurzeit auch im Münchener Haus der Kunst zu sehen ist.

Ob wir an die Wirklichkeit glauben, fragt uns die Wiener Kuratorin Kathrin Rhomberg.  Denn wenn es ein Thema gibt für diese Biennale, dann ist es die Wirklichkeit: „Sie holt uns ohnehin sprichwörtlich ein – immer. Aber wovon sprechen wir hier denn überhaupt? Die Wirklichkeit ist doch nichts, woran man glauben müsste.“ Die Arbeiten der insgesamt 43 Künstler blicken alle nach „draußen in die Wirklichkeit“, distanzieren sich von ihr, spielen mit ihr oder provozieren den Besucher in seiner eigenen Wirklichkeit. Etwas nüchtern klingt daher der Titel dieser Biennale: „Was draußen wartet“.

Übrigens – hinter dem hölzernen Rohbau in den Kunst-Werken verbirgt sich natürlich auch eine Geschichte. Petrit Halilaj hat die Negativform seines Elternhauses in Prishtina, das zerstört wurde, als Holzkonstruktion in den großen Ausstellungsraum der Kunst-Werke geschachtelt. Der 1986 im Kosovo geborene Künstler floh als Kind vor dem Krieg in Jugoslawien nach Deutschland, nun will er in Berlin seine Kindheitserinnerungen wiederbeleben, samt Huhn und Hühnerstall. (jk)


6. Berlin Biennale: noch bis 8. August,
Di-So 10-19, Do bis 22 Uhr

Orte: Kunst-Werke, Auguststr. 69 und Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1-3 in Berlin-Mitte/ Oranienplatz 17/  Dresdener Str. 19/ Kohlfurter Str. 1 und Mehringdamm 28 in Berlin-Kreuzberg

www.berlinbiennale.de


(erschienen am 18. Juni 2010 in der Baunetzwoche#178)

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