jtkn

Monat: August, 2010

ohne Kommentar

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Es ist nicht so, wie du denkst.

Es ist nicht so, wie du denkst.
Draußen scheint die Sonne
heute nicht.
Du gehst spazieren
in deiner Wohnung
und schaust aus dem Fenster.

Einer versucht sein Auto zu parken
und scheitert dabei
mit einem lauten Knall.
Dein schwarzer Golf
sieht jetzt nicht mehr so schön aus,
obwohl du ihn erst gestern gewaschen hast.

Die Alarmanlage fängt an
laut und schrill zu Piepen,
und weckt die ganze Straße auf.
Niemand hat etwas gesehen
und du bist dir auch nicht mehr sicher
ob du nicht lieber wieder ins Bett gehen solltest.

Vielleicht war das gar nicht dein Auto
Ein schwarzer Golf ist keine Seltenheit und
hattest du nicht gestern nacht woanders geparkt?
Regentropfen machen Musik auf dem Asphalt
und hüpfen über die Straße.
Es ist nicht so, wie du denkst.

Samedi

Draußen scheint die Sonne
heute nicht.

moustache mugs..

Mit Bart oder Schnäuzer – Tassen von Peter Ibruegger:

www.peteribruegger.com

Sprachlosigkeit des Sterbens – Zum Tod von Christoph Schlingensief

Voller Energie soll er gewesen sein. Voller Leben. Doch sein 2008 diagnostizierter Lungenkrebs verlangte nach einem langen Kampf das, was er am meisten fürchtete: den Tod. Am vergangenen Samstag ist Christoph Maria Schlingensief im Kreise seiner Familie gestorben. Im Oktober wäre er 50 geworden.

Die Angst als eines seiner Leitmotive hatte ihn seit 2008 stets begleitet, ja verfolgt. 2009 hatte er seine Ängste und Fragen in einem Buch veröffentlicht – „So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein“ nannte er sein „Tagebuch einer Krebserkrankung“. Schlingensief, der im Scheitern schon immer eine Chance sah, hatte zuletzt sein eigenes Scheitern, seinen nahenden Tod, in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit gestellt. Er, der Deutschland mit seiner Kunst und seinem Tun so oft schockiert hatte, provozierte die Gesellschaft am Ende mit etwas, das natürlicher nicht sein könnte. Die Nachrufe in den Medien zeigen, wie sehr Deutschland nun seinen intellektuellen Rebellen vermisst.

Der 1960 in Oberhausen geborene Regisseur, Theatermacher und Künstler, das so genannte  „Enfant Terrible der Deutschen Theaterlandschaft“, war vor allem eins: Nichtraucher. Zufall oder Ironie des Schicksals? Seit seiner Krebsdiagnose hat Schlingensief gelebt und gearbeitet wie nie zuvor: Er hatte Stücke geschrieben, gegen die „Sprachlosigkeit des Sterbens“ gekämpft, vergangenen Sommer seine Freundin Aino Laberenz geheiratet, er ist gereist und hat versucht, seinen Lebenstraum zu realisieren: ein Festspielhaus in Afrika.

Remdoogo, das Operndorf in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, plante Schlingensief zusammen mit dem Architekten und Aga-Khan-Preisträger Diébédo Francis Kéré (siehe BauNetz-Meldung zur Grundsteinlegung vom 5. Februar 2010). In der ehemaligen französischen Kolonie wollte er in dem neuen Operndorf eine Schule für 500 Kinder mit Musik- und Filmklassen, Werkstätten, einer Krankenstation, Solaranlagen und einem Brunnen entstehen lassen. In den vergangenen Monaten tourte er deshalb mit seiner Afrika-Oper „Via Intolleranza II“ durch Europa. Mit dem Stück entwirft Schlingensief das „paradoxe musikalische Bilder- und Dunkelphasenszenario einer utopischen Vereinigung durch das Misslingen hindurch“.

„Kunst kennt keine Sieger“, hatte der Regisseur einmal im Hamburger Bahnhof gesagt und die Preisverleihung der Nationalgalerie für junge Kunst abgebrochen. Vielleicht kennt das Leben auch keine Sieger. Aber Kämpfer und Rebellen: Christoph Schlingensief hatte noch viele Pläne, einen vollen Terminkalender. Neben dem Operndorf in Burkina Faso wurde er für die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Kunst-Biennale in Venedig 2011 vorgeschlagen. Auf der diesjährigen Ruhr-Triennale sollte sein neues Stück „S.M.A.S. H. – In Hilfe ersticken“ uraufgeführt werden. Und auch die Berliner Staatsoper wollte ihre nächste Spielzeit mit einem Schlingensief-Stück eröffnen.

Auf seiner Internetseite bitten Familie und Angehörige statt Blumen und Kränzen um eine Spende für das Operndorf in Afrika. Christoph Schlingensief ist verstorben, doch soll sein Traum noch zu Ende gelebt werden.

(Jeanette Kunsmann)

www.schlingensief.com


(erschienen in den BauNetz-Meldungen am 23. August 2010)

Tipp der Woche:

Ein Blick in die Zeitung

Heute startet die neue Saison der Bundesliga.

In der nordspanischen Stadt Tafala ist ein wildgewordener Bulle während eines Stierkampfs in die Zuschauermenge gesprungen und hat 40 Menschen verletzt.

In Chemnitz hat eine 34-jährige Mutter in Begleitung ihres fünfjährigen Kindes am Donnerstag versucht, eine Bank zu überfallen.

Michael Douglas (65) könnte durch Krebs seine Stimmer verlieren.

Belgien will die rasante Fortpflanzung von Katzen stoppen und eine Kastrationspflicht für Kater einführen.

Aufstand der Schwaben: In Stuttgart wird weiter demonstriert. Die Gegner halten die Zugstrecke für ein Nadelöhr und fordern ein Gutachten für die Tauglichkeit des Projekts „Stuttgart 21“.

Die Widerspruchsfrist gegen Hausansichten in Google Street View wurde bis zum 15. Oktober verlängert. Die Häuser würden nachträglich unkenntlich gemacht.

Bye-bye Bagdad: Die letzte US-Kampfeinheit verlässt den Irak. Aus „Operation irakische Freiheit“ wird „Operation neue Morgendämmerung“.

Karl Wegmann ist gestorben.

In Rheinland-Pfalz kletterte ein dreijähriges Mädchen in ein Bärengehege.

In Italien streitet man um den David des Michelangelo – wem gehört die Mamorstatue, der Stadt Florenz oder dem italienischen Staat?

Frankreich schiebt Roma ab – und will deren erneute Einreise verhindern. Präsident Nicolas Sarkozy lässt illegale Lager der Volksgruppe räumen. Die EU zeigt sich besorgt.

Die Fans von Borussia Dortmund zeigen, wie man mit Google Street View umgeht und haben kurzerhand die Arena auf Schalke 04 gelöscht.

Andrea Nahles (40) erwartet ein Baby.

In Australien wird morgen gewählt.



(eine kleine Erinnerung an Sigmar Polke)

Stadt als Beute

Der urbane Raum ist wie ein Kind, man muss sich um ihn kümmern, und doch wächst und formt er sich auch von alleine.
Urbane Interventionen können also bloße Unterhaltungsspielchen oder strenge Erziehungsmaßnahmen sein.
Zeit, diesen Eingriffen endlich einen Preis zu widmen: den Urban Intervention Award 2010.

(erschienen in der Baunetzwoche#186 am 20. August 2010)

Berliner Luft

Berlin is ooch nicht mehr det, wat es mal war: Der, Wedding wird jetzt richtè schniecke (Stichwort: Fäschenwiek), Friedrichshain gibt sich antikapitalistisch lässig und im Prenzlberg kann man zwischen Karaoke im Mauerpark, Biokuchen von Mutti oder den mutigen Anti-Schwabendemos wählen. Nur die Hundekacke auf der Straße, die is jebliebem, wa?

Wenn man im Sommer mit der S-Bahn fahren möchte, und dann zwischen dem Damen-Kegelverein aus Brandenburg, einer italienische Schülergruppe, nervös zuckenden Halbstarken und einem schlecht riechenden Mann mit einer Elvistolle steht, weiß man, dass man schnellst möglich sein Fahrrad reparieren sollte. Wenn man sich jedoch mutig mit in den Wagen drängelt und durch die Stadt fährt, sieht man sie, die vielen Statisten Berlins, die so sind, wie sie sind, weil sie so sind, wie sie sind: die Punker und ihre Hundis, den nie schlafenden Mann im Businessanzug, Langzeitarbeitslose ohne Uhren, Bauarbeiter mit ihren Bäuchen, die Studis, die ewige Ferienbohème sponsored by Papi (die in einer Stadt wie Berlin kein Auto fahren, weil sie „down to earth“ sein möchten), ehemalige Parteifunktionäre, slawische Schönheiten und – nicht zu vergessen: Sarrazins „Kopftuchmädchen“.

Schlechte Laune gehört zum guten Ton, eine gewisses, selbst gewähltes Savoir-vivre auch. Schließlich wurden in Berlin etliche Lebensweisheiten erfunden: „Arm, aber sexy“ – „Kreuzberger Nächte sind lang“ – „Ich komm aus Muschi, du Kreuzberg“ oder auch „Ich weiß, wo dein Haus wohnt!“

Wäre Berlin eine alte Dame, hätte sie viele Narben hinter und etliche Schönheitsoperationen vor sich. Der Palast der Republik hat sich in Luft aufgelöst, das ICC soll auch weg, Baulücken werden mit Investorenarchitektur gefüllt, während die Straßen am Stadtrand im Osten (und im Westen) teilweise noch nicht einmal asphaltiert sind.

Kurz gesagt: Berlin hat viele Gesichter, und die meisten kennt man nicht. Benjamin Tafel und Dennis Orel zeigen uns in ihrem Buch „Berliner Luft“ einige davon und vermitteln dabei hauptsächlich ein Lebensgefühl. Die Fotografen haben ihren – man möchte fast schon sagen Klassiker – noch mal neu heraus gebracht.

Fakten und Straßenkarten sind hier nicht zu finden, dann wäre das Buch ja ein Reiseführer. Nein, die beiden zeigen versteckte Nischen und absurde Orte, die längst vergessen scheinen und dennoch dort sind. Wenn man also die Junggesellenabschiede auf der Schlesischen Straße verdrängt und an Orte wie das Neverland im Plänterwald oder den Teufelsberg und die ehemalige US-Radarstation denkt, ist Berlin wirklich liebenswert und hat solche Bücher wie dieses unbedingt verdient. (jk)

Berliner Luft
Von Benjamin Tafel, Dennis Orel
Hatje Cantz, 2010, Deutsch, Englisch
256 Seiten, 21 x 14 cm, Softcover
16,80 Euro

www.berliner-luft.com

(erschienen in der Baunetzwoche#183 am 23. Juli 2010)