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Monat: November, 2010

Federvieh

„Federvieh” oder auch „Einen schrägen Vogel gibt es immer” ist eine Reihe gezeichneter Federkleider. (Schwarze Tinte auf weißem Büttenpapier/ Jeanette Colette/ November 2010)

www.flickr.com/photos/jeanette_k

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Bewegte Fassaden – Kinetik trifft auf Poesie

Tatsächlich! Ob spektakulär oder zurückhaltend, starr oder dynamisch – abseits von Beton-, Glas- und Medienfassaden
gibt es noch viele andere Formen und Materialien der Gebäudehülle. Meist beginnen diese Fassadenkonzepte zunächst
als Experiment, ein gebauter Ausschnitt im Modell, ein computergenerierter Versuch. Sie sind konstruierte Reaktionen
physikalischer Vorgänge, kontern auf Diffusionsvorgänge, Wärme- oder Stofftransport. Hört sich trocken an, sieht
in der Praxis dagegen umso phantastischer aus. Wir haben die neuen Entwicklungen und Trends analoger Fassaden
genauer unter die Lupe genommen und zeigen u. a. Arbeiten von Jean Nouvel, Ned Kahn und Anna Kubelik.

(erschienen am 19. November 2010 auf www.baunetz.de)


www.baunetz.de/woche

Kreative Nervosität

(Zeichungen und Collage: Jeanette Colette, November 2010)

 

 

Die Möglichkeiten einer Insel

Künstlerstudios in Kanada von Saunders Architecture

Der Künstler braucht viel gleichmäßiges Tageslicht, Raum und eine inspirierende, aber auch möglichst neutrale Umgebung. Außer diesen Bedingungen haben Architekten bei der Gestaltung von Künstlerateliers relativ viel Freiraum. Die Shorefast Foundation hat zusammen mit der Fogo Island Arts Corporation das norwegische Büro Saunders Architecture (Bergen) mit dem Entwurf von sechs Künstlerstudios an verschiedenen Orten auf der Insel Fogo der Atlantik-Provinz Neufundlands im Osten Kanadas beauftragt. Das Projekt bildet die Grundlage für das Arts Residency Program 2010. Drei der sechs Gebäude sind fertig bzw. fast fertig. Bei der Realisierung arbeiten der in Kanada geborene Architekt Todd Saunders und sein Team aus Norwegen mit dem kanadischen Büro Sheppard Case Architects zusammen. Zu sehen sind variierende geometrische Strukturen in der kargen Küstenlandschaft Neufundlands, die als gebaute Integration von Kunst und Natur zu verstehen sind. „The Long Studio“ ist ein 120 Quadratmeter großer Holzbau, innen strahlend weiß, außen durch die dunkle Holzlattung gut an die steinige Landschaft angepasst. Der lange Baukörper ist nur zu zwei Drittel geschlossen und nimmt durch einen Dacheinschnitt und ein großes Fenster an der Stirnseite Bezug zur Küstenlandschaft. Er liegt gerade auf dem unregelmäßigen Felsenriff und schwebt zum Meer hin auf schmalen Stützen stehend über dem Boden. Klein aber fein ist das „Writing Studio“ – es misst gerade einmal 20 Quadratmeter. Es ist als eine Art eigene Insel geplant und sollte deshalb nicht auf dem Land gebaut werden, sondern im Wasser stehen. Lediglich mit einer schmalen Rampe ist es mit dem Ufer verbunden. Es gliedert sich in zwei übereinander liegende Räume, der Bibliothek im unteren Bereich und dem Schreibzimmer mit Ausblick im oberen. Das „Tower Studio“ ist noch im Bau, ein eben falls knickender Baukörper mit Aussichtsplattform über die Dünenlandschaft. Für Saunders selbst ist die Realisierung dieser Ministudios einerseits eine Chance mit traditionellen architektonischen Formen, Methoden und Materialien in einer besonderen Lage zu experimentieren, anderseits aber auch ein Heimspiel besonderer Art. Vielleicht könnte man sagen, Herkunft verpflichtet. Bis 2012 sollen alle sechs Mini-Architekturen fertig gestellt sein.

Zum Thema: artscorpfogoisland.ca

(erschienen in den BauNetz-Meldungen am 11. Oktober 2010)

Kunst im Tunnel

Mal wieder Düsseldorf. Aber es ist Quadrinnale – die Stadt am Rhein ganz im Zeichen der Kunst. Neben den großen Sammlungen und Retrospektiven sind auch besondere kleine Kunstausstellungen zu finden. Tief unter der Erde hat sich die aktuelle Ausstellung von Björn Dahlem versteckt. In der Galerie Kunst im Tunnel zeigt der Berliner seine „Theorien des Himmels“.

(Fotos: Jeanette Kunsmann, November 2010)

Nam June Paik

Als 1931 auf der Funkausstellung in Berlin der Öffentlichkeit weltweit zum ersten Mal das vollelektronische Fernsehen präsentiert wurde, war Nam June Paik (1932–2006) noch nicht einmal geboren. Jahrzehnte später gilt der zierliche Koreaner – aufgewachsen in Seoul, studiert in Tokio und von der klassischen Musik nach Deutschland gelockt – als Vater der Videokunst. Der Rhythmus elektronischer Bilder berauschte Paik – er begann, nach den Möglichkeiten einer elektronischen Malerei zu suchen. Mit seinen Videoskulpturen eroberte er dem schnellen, flüchtigen Bild einen Ort zurück und begründete – bewusst oder unbewusst – eine völlig neue Kunstdisziplin.

Elektronische Installationen, flimmernde Bildschirme, Multi-Monitor- Videowände. Doch nicht nur das. Seine Kunst sollte zu einem permanenten Experiment werden, das gesellschaftliche, politische, technologische und ökonomische Prozesse hinterfragt. Dazu kam eine Sehnsucht, aus der „medialen Synthese eine materielle Symbiose“ entstehen zu lassen. Viele frühe Arbeiten Paiks thematisieren das. Charlotte Moormans berühmter TV-Büstenhalter von 1969 zum Beispiel transformiert sie in ein Zwitterwesen aus Mensch und Monitor, der Sensoren für eine völlig neuartige Sinnlichkeit ausprägt. Fast nackt spielte die Cellospielerin vor dem Publikum, das auf die mit Klebeband an ihrem Körper fixierten Monitoren starrte und dort das sah, was es vielleicht am wenigsten erwartete: sich selbst.

Fünf Jahre zuvor hatte Nam June Paik seinen ersten eigenen Roboter, den K 456, gebaut. Ihm folgten in den achtziger Jahren die bunten Roboterfamilien, deren Körper ganz aus Monitoren zusammengesetzt waren. Dabei verwendete Paik für seine Videoarbeiten am liebsten bestehendes Bildmaterial und ausrangierte Apparate – als Symbol eines natürlichen Kreislaufs des Werdens, Vergehens und Wiederkehrens der Bilder und Produkte.

In Düsseldorf widmet das museum kunst palast dem Pionier der Videokunst nun eine beeindruckende Retrospektive. Über drei Etagen sind im ganzen Haus die Arbeiten von Paik zu sehen. Dabei konzentrieren sich die Kuratoren Susanne Rennert (Düsseldorf ) und Sook-Kyung Lee (Liverpool) vor allem auf frühe Werke. Neben Aktionen und Performances über seine Videoarbeiten bis hin zu den spektakulären skulpturalen Werken geben zahlreiche Dokumente – Partituren, Briefe, Texte und Fotos – Einblick in die Arbeits- und Denkweise Nam June Paiks. Flirrender Höhepunkt ist die Installation Laser Cone aus dem Jahr 1998 – der letzten Schaffensperiode von Paik. Die Lasershow unter einem aufgespannten Zelt erinnert an eine Mischung aus mathematischen Funktionen in Bildschirmschonerästhetik.

Neben weiteren Arbeiten wie den TV Buddhas oder Egg Grows wird in der Ausstellung vor allem Paiks enge Zusammenarbeit mit anderen Künstlern verdeutlicht, wie den Fluxus-Künstlern, Charlotte Moorman oder Joseph Beuys. Nam June Paiks Videokunst setzt sich aus vielen Ebenen zusammen, ist vielfältig und beeindruckend. Mit seinem Tod im Jahr 2006 hat die Welt einen der großen „Cultural Terrorists“, wie Paik sich selbst nannte, verloren. (Jeanette Kunsmann)

Ausstellung: noch bis zum 21. November 2010
Ort: museum kunst palast, Ehrenhof 4-5, 40479 Düsseldorf

www.museum-kunst-palast.de

Die Ausstellung ist im Anschluss vom 17. Dezember 2010 bis zum 13. März 2011 in der Tate Liverpool zu sehen.

(erschienen in der Baunetzwoche#198 am 5. November 2010)

 

Puzzle in der Landschaft

An temporären Werken wird immer besonders deutlich, wie schnell die Zeit vergeht. Gerade standen sie noch, da sind schon abgebaut – als wäre nie etwas gewesen und zurück bleibt nichts als eine gähnende Leere. Auch das temporary museum (lake) von dem Amsterdamer Studio Anne Holtrop ist längst passé. Nur sechs Wochen stand dieses Kleinod mitten in einem Naturschutzgebiet in der Dünenlandschaft von Heemskerk bei Amsterdam.

Der Pavillon, dessen fließende Form im Grundriss an einen See erinnern soll, stand bis zum Herbstanfang. Bereits 2009 hatte der Künstler und Architekt Anne Holtrop (er ist wirklich männlich) in Almere ein ähnliches Projekt realisiert, das Trail House: Ebenfalls temporär, ebenfalls mitten in der Landschaft und ebenfalls der Versuch, eine amorphe Architekturstruktur mit der Landschaft und den sie durchquerenden Pfaden zu verbinden.

Zarte Zeichnungen waren der Beginn dieses Bauwerks. Der Niederländer hat sich hier vom französischen Dadaisten Jean Arp inspirieren lassen: „Er suchte mit seinen Zeichnungen nach einer universellen Sprache“, so Holtrop. „Das endete in Bildern, die nichts spezifisches oder konventionelles mehr zeigten, die keine direkte Bedeutung mehr hatten.“ Holtrop will das mit seinem Gebäude erreichen: Fließende, instinktiv gezeichnete Formen,  die einen Raum definieren, der nicht definiert ist. So ergeben sich scheinbar zufällig unbegehbare Engstellen oder bubbleartige Enden – der Pavillon wirkt wie ein verloren gegangenes Puzzlestück in der Landschaft.

Die Wände sind aus beschichtetem Pappelholz gebaut. Ein erheblicher Teil des Pavillons ist geschlossen, es gibt nur vier Fenster und einen schmalen Eingang in das Minimuseum. Denn der Pavillon wurde eigens für eine kleine Kunstausstellung mit Werken von Renie Spoerer, Eva-Fiore Kovacovsky, Driessens & Verstappen und Sjoerd Buisman errichtet. Jedem Künstler ist ein eigener Flügel des Gebäudes zugeteilt, jeder Flügel verfügt über genau ein Fenster, dessen Form sich wiederum auf die Arbeiten bezieht bzw. diesen eine Verbindung zur Landschaft brachte. „Die amorphe Landschaft draußen setzt sich innen fort. Es ist ein kleines Gebäude, aber ich habe die gekrümmten Innenräume so gebaut, dass man nie den gesamten Innenraum sieht.“

Die Kunstwerke im Inneren zeigten Interpretationen der Landschaft. Zeigten. Wie schon gesagt, dieser Pavillon steht leider nicht mehr. Man könnte sich auf die Suche machen, die Reste sammeln, und ihn eventuell wieder aufbauen. Wahrscheinlich zwecklos. Wir warten gespannt auf den nächsten Pavillon von Anne Holtrop, der bestimmt schon im nächsten Sommer auf einer weiteren holländischen Wiese stehen wird. (jk)

(erschienen in den BauNetz-Meldungen am 4. November 2010)

Plié! Tendue! Relevé!

Morgen wird in Berlin-Prenzlauer Berg der erste Bauabschnitt der Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artistik an den Nutzer übergeben. Entworfen und realisiert wurde der Um- und Neubau von den Architekten von Gerkan, Marg und Partner (siehe BauNetz-Meldung zum Wettbewerbsentscheid vom 28. Februar 2006). Der über 8.800 Quadratmeter große Bauabschnitt (BGF) wurde nach zweieinhalb Jahren fertig gestellt und umfasst einen neuen Saalbau mit zehn Tanzsälen sowie die Sanierung des bestehenden Schulbaus aus den sechziger Jahren. Hinzu kommt bis Ende 2011 ein viergeschossiges Internat für 70 Schüler auf demselben Gelände. Die Freiraumplanung stammt von dem Berliner Büro Bernard und Sattler Landschaftsarchitekten.

Die architektonische Idee von gmp thematisiert die Besonderheit der Schule: den ständigen Wechsel der Schüler zwischen der kreativen Welt des Tanzes und dem klassischen Betrieb einer Ganztagsschule. Eine geschwungene mehrgeschossige Halle, an der sich die viergeschossige Schule und die Ballettsäle gegenüberliegen, durchzieht den Schulkomplex an der Erich-Weinert-Straße. Über diesen verknüpfenden Raum werden die unterschiedlichen Bereiche des Ensembles in Beziehung gesetzt und im zweiten Obergeschoss über eine Brücke erschlossen. Große kreisförmige Oberlichter sollen hier für natürliches und stimmungsvolles Licht sorgen.

Im Innenraum soll eine zurückhaltende Farbgestaltung in Schwarz und Weiß die charakteristische Form des Gebäudes betonen. Farbige Leibungen der Öffnungen zwischen öffentlichen Bereichen und Tanzsälen kontrastieren damit. Große schaufensterähnliche Öffnungen in der Fassade schaffen Transparenz und Außenraumbezug für die Tänzer und ermöglichen Passanten Einblicke in die Ballettsäle und die Tanzausbildung. Doch was von außen so schön und so leicht aussieht, ist harte Arbeit, die von kurzen, lauten Kommandos begleitet wird. „Plié! Tendue! Relevé!“ peitscht es ab jetzt durch die neuen Räume. (jk)

(erschienen in den BauNetz-Meldungen am 3. November 2010)