jtkn

Monat: Januar, 2011

heartbreaker

(Foto: Jeanette Colette/ Januar 2011)

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Hedonistische Nachhaltigkeit

Man kann sich das erst nicht so richtig vorstellen: Wie passen eine Skipiste, eine Müllverbrennungsanlage und die dänische Design-Metropole Kopenhagen zusammen? Man würde dort doch weder Schnee- noch Müllberge vermuten. Doch Kopenhagen soll zum Skigebiet werden, nachhaltig und sauber.

Der Vorschlag zu diesem Szenario stammt von einem deutsch-dänischen Team aus BIG Bjarke Ingels Group, realities:united sowie den Landschaftsarchitekten TOPOTEK 1 zusammen mit ihrem jungen Büroableger MAN MADE LAND. Das Quartett hat vergangene Woche mit seinem Entwurf für die Neugestaltung einer Abfalldeponie in Kopenhagen das internationale Wettbewerbsverfahren gewonnen, wie gestern im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt wurde. Die Jury entschied sich einstimmig für den außergewöhnlichen Hybrid – das Team setzte sich damit gegen eine harte Konkurrenz durch, darunter Büros wie Dominique Perrault, 3XN, Lundgaard & Tranberg und Wilkinson Eyre. Auslober des Wettbewerbs ist das Kraftwerk Amagerforbrænding.

Der Siegerentwurf verspreche Kopenhagen einen nützlichen und schönen Beitrag zur Stadtentwicklung und eine neue Landmarke im Stadtbild. Das einzigartige Gebäude schaffe viele neue Möglichkeiten, lobt die Direktorin von Amagerforbrænding.

Dabei betrachtet das Architektenteam das Gebäude nicht als einen isolierten Baukörper, sondern schafft eine überraschende Vision dieser speziellen und negativ behafteten Gebäudetypologie der Müllverbrennungsanlage. Die neue Anlage soll in eine schon vorhandene Infrastruktur aus Freizeitnutzungen eingebunden werden. Das Dach des Kraftwerks soll mit einem 31.000 Quadratmeter großen Skigebiet unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade für Kopenhagener und Besucher dienen – ein besonderes Freizeitangebot. „Hedonistische Nachhaltigkeit“ nennen die Architekten ihr Entwurfskonzept.

Das Gebäude soll sich durch die vertikale grüne Fassade von weitem in einen Berg verwandeln. Ein Wegesystem im angeschlossenen Park verbindet eine Gebäudeseite mit dem benachbarten Wohngebiet. Ein weitere Besonderheit ist der von realities:united entwickelte Schornstein: Wie die dicke Raupe mit der Wasserpfeife aus Alice im Wunderland pafft dieser Rauchringe in den Kopenhagener Himmel – die Größe soll dabei den Energieverbrauch verbildlichen. realities:united transformieren so das dreckige Image der Industrieschornsteine in ein positives Zeichen zukünftiger Nachhaltigkeit. Vorbildlich!

(erschienen am 26. Januar 2011 in den BauNetz-Meldungen)


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Plagiat!

Auf dem Blog der Wochenzeitung Der Freitag schreibt ‚indyjane‘:

„Der Vorschlag zum aktuellen  Szenario stammt von einem deutsch-dänischen Team aus BIG Bjarke Ingels Group, realities:united sowie den Landschaftsarchitekten TOPOTEK 1 zusammen mit ihrem jungen Büroableger MAN MADE LAND. Das Quartett hat vergangene Woche mit seinem Entwurf für die Neugestaltung einer Abfalldeponie in Kopenhagen das internationale Wettbewerbsverfahren gewonnen, wie gestern im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt wurde.

Die neue Anlage soll in eine schon vorhandene Infrastruktur aus Freizeitnutzungen eingebunden werden. Das Dach des Kraftwerks soll mit einem 31.000 Quadratmeter großen Skigebiet unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade für Kopenhagener und Besucher dienen – ein besonderes Freizeitangebot. „Hedonistische Nachhaltigkeit“ nennen die Architekten ihr Entwurfskonzept.

Das Gebäude soll sich durch die vertikale grüne Fassade von weitem in einen Berg verwandeln. Ein Wegesystem im angeschlossenen Park verbindet eine Gebäudeseite mit dem benachbarten Wohngebiet. Ein weitere Besonderheit ist der von realities:united entwickelte Schornstein: Wie die dicke Raupe mit der Wasserpfeife aus Alice im Wunderland pafft dieser Rauchringe in den Kopenhagener Himmel – die Größe soll dabei den Energieverbrauch verbildlichen. realities:united transformieren so das dreckige Image der Industrieschornsteine in ein positives Zeichen zukünftiger Nachhaltigkeit.“

www.freitag.de

Unglaubliches zum Wochenanfang

Schiffe dürfen den Rhein nicht mehr flussabwärts fahren.

Sexy-Cora – Erotikdarstellerin (23) stirbt nach sechster Brustvergrößerung.

Kristina Schröder will keine Elternzeit nehmen.

Ursula Sarrazin will kein Buch schreiben.

ABER: Jörg Kachelmann sagt wieder das Wetter voraus: In feinstem Schweizerdeutsch auf Radio Basel.

Ken Adam heißt eigentlich Klaus Hugo Adam und James Bond ist Ornithologe…

Ken Adam

von Jeanette Kunsmann

Doppelte Wände, verschachtelte Räume, monumentale Bauwerke – Ken Adam entwarf nicht nur die Kommandozentralen, Geheimlabore und Kriegsschiffe der James-Bond-Filme, sondern gestaltete auch Horrorschlösser wie das der „Addams Family“ und den legendären „War Room“ aus „Dr. Strange-Love“. Er war verantwortlich für Mr. Foggs Reise in „Around the World in Eighty Days“ oder für den Zeitsprung ins 18. Jahrhundert mit „Barry Lyndon“. Ken Adam hat an über 90 Filmen mitgewirkt, darunter sieben James-Bond-Streifen, zwei Oscars wurden ihm verliehen, sechsmal war er nominiert. In diesem Jahr wird Ken Adam 90 Jahre alt und ist damit nur knapp vier Monate jünger als der Agent James Bond*. Ein Portrait über den „Frank Lloyd Wright des Décor Noir“.

*James Bond wurde am 11. November 1920 als Sohn des schottischen Ingenieurs Andrew Bond und einer Schweizer Bergsteigerin, Monique Bond, geborene Delacroix, in Wattenscheid im Ruhrgebiet geboren. Auch Ken Adams wurde in Deutschland geboren. Er erblickte am 5. Februar 1921 als Klaus Hugo Adam in Berlin-Mitte in der Tiergartenstraße 8, einer großbürgerlichen Stadtvilla, das Licht der Welt. Seinem Vater gehörte das bekannte Sporthaus „S. Adam“ an der Leipziger Ecke Friedrichstraße. Mies von der Rohe hatte übrigens für den geplanten Kaufhausneubau an der Friedrichstraße einen seiner Glaspaläste entworfen. Mit der Wirtschaftskrise 1929 wurden jedoch alle Pläne auf Eis gelegt.

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(erschienen am 21. Januar 2011 in der Baunetzwoche#206)

Schmeiß dein Ego weg!

Es ist ein wenig irritierend. Wo ist die Bühne? Was soll diese Wand? Der Saal der Volksbühne ist zum klaustrophoben, geschlossenen Gefängnis umgebaut. René Pollesch stellt mit seiner Inszenierung „Schmeiß dein Ego weg!“ das Theater auf den Kopf. Er hat die „Vierte Wand“, die Wand, die es nur in der Vorstellung der Schauspieler gibt, damit die Darsteller so tun, als gäbe es kein Publikum, wirklich gebaut. Schließlich sei es eine altmodische Ansicht, dass man die Schauspieler im Theater auch sehen müsse.

Doktor Jaques Duval ist in der Zukunft gelandet. Er war zweihundert Jahre lang schock gefroren und wird nun mit einer Realität konfrontiert, die für ihn ungewohnter nicht sein könnte. Da ist diese Wand zwischen Zuschauerraum und Bühne. An der läuft Duval in seiner Uniform aus dem 19. Jahrhundert dann auch den ganzen Abend auf und ab. An zwei Stellen ist diese Wand durchgebrochen und der Zuschauer erhält neben der Projektion über der Bühne, einen Einblick auf das Geschehen – er wird zum Voyeur. Erinnert ein wenig an „Versteckte Kamera“.

Inhaltlich dreht sich das Stück wie auch das Bühnenbild um innen und außen. Um innere und äußere Werte. Das Verborgene und das Sichtbare. Um Körper und Seele. Bei einem Geldschein sehe man auch zuerst seinen inneren Wert, die Zahl, und dann erst den äußeren, das Papier. Innen ist also gleich außen. „Die Seele ist eine Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst.“ Um das Ego fassen zu können, müsse man nicht in der Innerlichkeit, in den Tiefen der Psyche und in den romantisierenden Erzählungen von ihr wühlen. Diese Auffassung von Individualität sollte getrost weggeschmissen werden.

Martin Wuttke (Doktor Jaques Duval) zappelt als verzweifelter Zwerg über die Bühne, Margit Carstensen (Frau Luna) spielt sich selbst und Christine Groß (Miss Peterson) glänzt mit einem amateurhaften Spiel und einer, hoffentlich beabsichtigten, dilettantischen Aussprache – sie hat einen S-Fehler. Der Chor, eine Gruppe junger Schauspieler in engen, weißen Ganzkörperanzügen ist mal Ausstattung, mal Show und am Ende auch Chor. Wie immer wird auch hier zwischen all den philosophischen Zitaten viel „Scheiße“ geschrieen.

Pollesch verdreht die Spielregeln des guten, alten und schönen Theaters. Eine Parodie, die zu neuen Denkmustern anregen soll mit einem der eindringlichsten Liebesgeständnisse: „Warum konnten wir uns nichts mehr sagen. Ja, ich weiß, du hast es versucht. Du hast mich mit deinem Motorroller verfolgt und wolltest mich sprechen und ich hab gewendet und woanders eingeparkt in das Nichts, in den Tod, keine Ahnung.“ Großartig! (Jeanette Kunsmann)

Schmeiß dein Ego weg!
von René Pollesch
Bühne und Kostüme: Bert Neumann
Termine: 30. Januar, 3., 6. und 20. Februar 2011 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte

http://www.volksbuehne-berlin.de

(erschienen in der Baunetzwoche#206 am 21. Januar 2011)

Poesie im Nirgendwo

Das Inujima Art House Project von Sejima

Ein Spiegelkabinett, ein Laufsteg, ein Holzrahmen so groß wie ein Familienhaus und ein silberner Hut – wäre man bösartig, könnte man die vier neuen Gebäude der japanischen Architektin Kazuyo Sejima (zweiter Kopf von SANAA: Sejima And Nishizawa and Associates) auf eben diese vier auf die Schönheit ausgelegten Attribute der Weiblichkeit reduzieren. Dabei spielt Sejima in ihren Minigebäuden des Inujima Art House Projects auf eine so einfache Art mit Raum, Oberflächen und Sichtbezügen, dass man die zweite Ebene in diesen eben „Ach-so-schönen-Bauwerken“ etwas suchen muss.

Das Ensemble wurde mitten in die Landschaft der japanischen Insel Inujima implantiert und setzt sich aus vier sehr unterschiedlichen Architekturen zusammen: F Art House, I Art House, S Art House und Nakanotani Gazebo. Während sich das eine durch seine verspiegelten, gewellten Wände ohne Dach auszeichnet, formt sich das andere als ein langer, schmaler S-förmiger Gang, der nur durch dünne transparente Acrylwände von seiner Umgebung getrennt ist. Decke und Boden sind geschlossen und bilden eine Art Schlauch. Das I Art House erscheint wie ein traditionelles japanisches Haus, bietet jedoch durch seine großflächigen Fenster einen freien Ausblick. Und hinter dem Nakanotani Gazebo verbirgt sich ein schalenartiges Aluminiumdach, das ähnlich wie ein Sommerhut auf Grund seiner perforierten Oberfläche vor Sonne, jedoch nicht vor Regen schützt. Dünne Stützen halten das Dach und erinnern durch ihre Leichtigkeit an den Serpentine Pavillon von SANAA in London.

In dem Inujima Art House Project mischen sich auch noch weitere Motive von Sejimas und Nishizawas einzelnen wie gemeinsamen Projekten. Die Spieglung der Besuchersilhouette in der Architektur zum Beispiel. Oder die unsichtbare Trennung von Innen- und Außenraum. Menschen treffen sich in Architektur – die japanische Leichtigkeit des Seins schreibt eine Poesie im Nirgendwo.

Hintergrund der Arbeit von Sejima ist die aktuelle Situation auf der verträumten Insel. Verlassene Wohnhäuser erzählen leise die Geschichten ihrer Bewohner, ansonsten ist die Insel überschaubar: ein Friedhof, Industriebrachen und Felder – Etwa 50 Familien wohnen noch auf Inujima; die Jüngeren ziehen meist sobald wie möglich weg. So gesehen hat Sejima eine Gruppe begehbarer Denkmäler geschaffen – Interventionen im verlassenen Paradies. Dem Betrachter wird ein persönlicher Bezug zu den Miniarchitekturen abverlangt, er muss sich selbst mit der Gesamtsituation auseinandersetzen – Menschen in Architektur. (jk)

(erschienen am 13. Januar 2011 in den BauNetz-Meldungen)

Fotos: Iwan Baan

Verfolgte Kunst

Eine ungewöhnliche Umnutzung. Das MOCAK Museum of Contemporary Art Kraków, das am 16. November 2010 in Krakau eingeweiht wurde, steht dort, wo Oskar Schindler einst über 1.200 jüdische Zwangsarbeiter beschäftigte und vor den Vernichtungslagern rettete. Das italienische Büro Claudio Nardi Architects (Florenz/Krakau) hat hier nicht nur einen Industriebau umgenutzt, sondern einem historisch düster gefärbten Ort ein anderes, neues (für manch einen ein vielleicht befremdliches) Gesicht gegeben.

Das Museum für zeitgenössische Kunst steht nun nach einjähriger Bauzeit in Krakaus Industriebezirk Zablocie auf dem Gelände von Schindlers ehemaliger Emaille-Fabrik. Helle Ausstellungsräume, eine klare Rauminszenierung sowie die harmonische Mischung von Neubau und Bestand sollen das Museum zu einem neuen Wahrzeichen Krakaus werden lassen. Dazu wurden die Produktionshallen mit ihren signifikanten Sägezahndächern renoviert und eine für den Industriekomplex charakteristische Ziegelwand im Originalzustand belassen. Schließlich war der Umbau war für die Stadt eine wichtige Chance, mit finanziellen Mitteln des polnischen Kulturministeriums die alten Hallen vor dem Verfall zu retten.

Bereits im Juni 2010 ist im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Schindler-Fabrik das neue Museum Fabryka Schindlera als Teil des Historischen Museums Krakaus eröffnet worden. Die Wände der 4.000 Quadratmeter großen Ausstellungshallen des MOCAK sind zurzeit jedoch noch strahlend weiß – erst im April 2011 soll die Dauerausstellung eröffnet werden.

Der Architekt Claudio Nardi findet das umstrittene Projekt überhaupt nicht geschmacklos, wie es viele schimpfen. „Die moderne Kunst wurde von Hitler und den Nazis verfolgt. Die Nazis haben sie konfisziert, zerstört, verbrannt, und zwar in einem Ausmaß, dass man sagen kann, ihr Hass auf Juden, Slawen und Roma war für sie nichts anderes als ihr Hass auf die moderne Kunst“, erklärt er gegenüber den Medien.

www.mocak.com.pl

(erschienen am 10. Januar 2011 in den BauNetz-Meldungen)