jtkn

Monat: April, 2011

Art und Agenda

Spätestens seit der Französischen Revolution ist Kunst politisch. Politisch nicht im Sinne von einer verherrlichenden Darstellung der Mächtigen, sondern einer kritischen Auseinandersetzung des Seins. Ob Malerei oder Zeichnungen, Bildhauerei, Videokunst oder auch Installationen im Raum – in der Kunst finden Missstände in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft oft zuerst ihren Ausdruck, bevor sie salonfähig werden. „Die Kunst kann den Menschen nicht retten, aber mit den Mitteln der Kunst wird ein Dialog möglich, welcher zu einem den Menschen bewahrenden Handeln aufruft“, schrieb einst der Maler Günther Uecker.

Kriege, Menschenrechte, Pressefreiheit, Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern, Religionsfreiheit und Gleichberechtigung sind Themen, die sich immer häufig zuerst in künstlerischen Arbeiten widerspiegeln. Aktuell wird besonders die Volksrepublik China in der Kunstszene wegen ihrem willkürlichen Umgang mit der Zensur und der Missachtung jeglicher Menschenrechte kritisiert. Einer der zur Zeit bekanntesten politischen Künstler ist seit Tagen von der Bildfläche verschwunden: der chinesische Konzeptkünstler und Regimekritiker Ai Weiwei. Bereits sein Künstlername verweist auf sein politisches Schaffen: Weiwei heißt übersetzt „doppelte Verneinung“. Er ist eben schon immer Kritiker und Kollaborateur gewesen. Nun sorgt seine Festnahme weltweite Protestaktionen und schafft einen neuen Zusammenhalt zwischen Bürgern, Künstlern und Politikern: „Wo ist Ai Weiwei?“

Zeiten ändern sich und dennoch bleibt alles beim Alten. Wie gerufen ist nun im Frühling 2011 im Gestalten Verlag eine Publikation zu politischer Kunst erschienen. „Art & Agenda. Political Art and Activism“ in eine umfangreiche Sammlung von zeitgenössischen politischen Künstlern wie Lisa Anne Auerbach (Guerrilla Knitting), Sarah Mapple ( Bananarama), Mona Hatoum (Bukhara), Paul McCarthy (Santa Claus with a Butt Plug), Elmgreen & Dragset (Prada Marfa) und eben auch der festgenommene Ai Weiwei. (Remenbering, Sunflower Seeds). In fünf thematische Kapitel unterteilt stellt das Buch verschiedenste Arbeiten vor: „The Commercial Aspect“, „The Human Element“, „Sanctuary“, Think global, Act local“ und „History Repeating“ fassen jeweils ähnliche Konzepte, Hintergründe und Arbeitsmethoden zusammen, die durch Essays und kurze theoretische Texte ergänzt werden. Auf dem Titelbild zeigt ein Ausschnitt das bezeichnende Poster aus der Serie „STOP“ von dem Künstlerduo kennardphillipps: einen glücklichen Tony Blair, der sich stolz mit seiner Handykamera vor den Kriegsfeuern im Irak fotografiert. Offensichtlich wie diese Arbeit, odr auch makaber, ekelhaft, abstrakt, verträumt oder poetisch – das Buch zeigt Kunst, die heutzutage wichtiger ist, als viele meinen. „Art & Agenda” ist ein Bildband, der längst überfällig war. (Jeanette Kunsmann)

Art & Agenda. Political Art and Activism
Gregor Jansen, Robert Klanten
Gestalten Verlag, April 2011
Hardcover, 24 x 30 cm
288 Seiten, Englisch
44 Euro

shop.gestalten.com

Advertisements

Wolkenpromenade in Sevilla

Für manche Projekte braucht man einen langen Atem. Die Architekten von Jürgen Mayer H. und die Ingenieure von Arup mussten in Sevilla besonders lang die Luft anhalten. Im Juni 2004 hatte das Team den Wettbewerb für die Neugestaltung der Plaza de la Encarnación in Sevilla gewonnen, Baubeginn war bereits im Mai 2005. Erst kürzlich ist das neue Wahrzeichen mitten in der Altstadt von Sevilla gelandet und wurde nach und nach von den Baugerüsten und Kränen befreit. Am 27. März 2011 wurde das Projekt „Metropol Parasol“ feierlich zu den Passionsspielen eröffnet.

Mit der Anmut einer organisch gewachsenen Struktur schwebt nun das monumentale, 5.000 Quadratmeter große Wolkendach über dem ehemaligen Marktplatz. Sieht man nur die Luftbilder, könnte man meinen, jemand habe sich im Maßstab geirrt – fast etwas brutal frisst sich dieser auffällige Fremdkörper in die Altstadtstruktur. Doch gerade dieser offensichtliche Größenwahn macht das Projekt zum Wahrzeichen Sevillas und zur neuen Architekturikone Spaniens.

Um die Parasoles überhaupt bauen zu können, wurden die riesigen Sonnenschirme in ein orthogonales Raster von 1,5 mal 1,5 Metern aufgelöst – karierte Schatten fliegen über den Platz. Nicht aus Stahl, sondern aus Holz wurde die dreidimensionale Netzgeometrie auf einem Betonfundament errichtet. Mit Abmessungen von etwa 150 Meter Länge, 75 Meter Breite und bis zu 28 Meter Höhe zählt das Bauwerk heute als die weltweit größte Holzkonstruktion. Rund 3.000 Kubikmeter finnische Fichte wurden in den sechs Stielen und dem Dachensemble verbaut. Um die Parasoles vor Witterungseinflüssen zu schützen, wurden alle Konstruktionselemente mit einer Schicht aus cremefarbenem Polyurethan überzogen – deshalb wirkt die riesige Gitterstruktur auch wie aus einem Guss.

Die Riesenschirme bringen Sevilla natürlich nicht nur Schatten, sondern auch weitere attraktive Nutzungen: Im Untergeschoss ist ein archäologisches Museum untergebracht, auf der Ebene über dem Platz befindet sich eine Markthalle, darüber ein Restaurant, während auf der vierten Ebene ein 400 Meter langer Panorama-Rundgang auf der Dachstruktur weite Blicke über die Dächer der Altstadt Sevillas bietet. Alle Ebenen sind durch einen Steg miteinander verbunden, der sich unter den einzelnen Schirmen hindurchschlängelt.

Mit der Platzgestaltung in Sevilla haben Jürgen Mayer H. Architekten eine riesige urbane Skulptur entwickelt, die völlig neue Räume einer gewachsenen Stadt definiert. Vielleicht kann man sogar von einer neuen Typologie der Platzgestaltung sprechen, einem vertikalen Platz mit einer Wolkenpromenade, der einen bewussten Kontrast zur Altstadt bildet. Es ist eine dieser Visionen, die heute technisch realisierbar sind. Am Ende hat sich der lange Atem schließlich gelohnt. (jk)

(erschienen in den BauNetz-Meldungen am 26. April 2011)


Fotos: David Franck

Ostsee

(Fotos: Jeanette Colette, Heilighafen April 2011)

Miniwelten – Spielplätze

Der Spielplatz ist eine Parallelwelt in Miniatur. Dass diese trotz aller Sicherheitsvorschriften und DIN-Normen nicht alle gleich aussehen müssen und mehr als Sandkasten, Schaukel und Rutsche sein können, zeigen die folgenden Projekte. Die BAUNETZWOCHE auf der Suche nach den besten Abenteuerspielplätzen.

 

 

 

 

www.baunetz.de/baunetzwoche