jtkn

Monat: Juni, 2011

Chinesischer Käfig

Gestern Abend also endlich die Nachricht,  Ai Weiwei sei frei. Was zunächst noch als wage Vermutung im Netz kursierte, bestätigte sich mit dem ersten Interview und einem DPA-Foto. Ein kurzes Aufatmen, Freude, Erleichterung. Doch wie wird sich der Fall Ai Weiwei weiterentwickeln? Der chinesische Künstler ist schließlich längst mehr als einer der Regimekritiker der Volksrepublik  – nach achtzig Tagen Haft symbolisiert er alles, was gegen die Politik Chinas spricht, in einer Person, ja, er wird sogar auf Jutetaschen ikonisiert. Das Schicksal des Nobelpreisträgers Liu Xiaobo scheint dagegen längst vergessen.

Ai Weiwei wurde nun gegen Kaution frei gelassen. Er steht unter Hausarrest und darf nicht reden. Alle Vorwürfe der Steuerhinterziehung und Korruption habe er bestätigt und gestanden, deshalb durfte Ai nach Hause. Es ist eine äußerst prekäre Situation. Ai Weiwei  ist schon länger in einem chinesischen Käfig gefangen, aus dem es nur schwer einen Ausweg geben wird. Selbst wenn er eines Tages das Land verlassen darf, China wird niemals die Ausreise der gesamten Familie gestatten. Es ist ein tragisches Schicksal, dass wir nur von außen beobachten dürfen. Der Westen darf sich durch die plötzliche Freilassung nicht täuschen lassen – es ist erst der Anfang eines langen Kampfes gegen die Staatsapparatur der Volksrepublik. (Jeanette Kunsmann)

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Die Kameliendame

„Ich habe genügend Leute amüsiert – jetzt will ich auch einmal meinen Spaß haben“, seufzt eine indisponierte Sophie Rois laut in ihr Fußbad. Rosenwasser anstatt Highheels. Kaum eine Schauspielerin wäre für die Rolle der Marguerite Gauthier wohl passender, als der österreichische Wirbelsturm. Überraschend hingegegen ist die Besetzung des Armand Duval – hier hat Clemens Schönborn mit Kai-Ingo Rudolph eine ebenfalls  wunderbare Wahl getroffen. Diese Augen! Diese Locken! Diese STIMME!

Mit der Dumas-Inszenierung „Die Kameliendame” zeigt die Volksbühne zurzeit ein wahres Glanzstück. Die beiden Hauptdarsteller sind umwerfend, Operngesang und Orchester brillant, der Chor dagegen etwas träge und zu bauchig. Thematisiert werden Geldgier in Hochzeiten des Kapitalismus, uneingeschänkte Geilheit und der Drang nach Ruhm und Macht, während am Rande die Liebe ihr zartes Liedchen singt. Der Stoff ist heute aktueller und brisanter, als wir glauben – im Grunde hat sich seit 1852  kaum verändert. Das Kapital regiert die Welt, doch lassen Glück und Liebe sich nicht kaufen.  „Mein Gott, ich würde so gern meine Ideale verraten und mich verkaufen, es hat mir nur noch nie einer ein Angebot gemacht.“ Edel sei der Mensch, gütig und treu!

Die Kameliendame
Mit Musik aus Giuseppe Verdis „La Traviata“ nach Alexandre Dumas
Stückfassung: Clemens Schönborn
Regie: Clemens Schönborn, Kostüme: Nina Kroschinske, Musikalische Leitung: Michael Wilhelmi, Licht: Torsten König, Dramaturgie: Ralf Fiedler
Mit: Hendrik Arnst, Jean Chaize, Zazie de Paris, Sophie Rois, Kai-Ingo Rudolph und Hans Schenker und dem Chor

www.volksbuehne-berlin.de

www.baunetz.de/baunetzwoche

54. BIENNALE ARTE im BauNetz

Venedig sehen und sterben…

 

Wer hat Angst vor Schlingensief?

Egomanie im deutschen Pavillon

Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinsehen soll. Das Innere des deutschen Pavillons wurde als Kirchenraum inszeniert, der vom Boden bis zur Decke mit Schlingensief-Zitaten bedeckt ist. Unzählige Fernseher und Projektoren zeigen Videoarbeiten, parallel läuft ein Tonband mit wechselnden, sich überlagernden Stimmen. An den Wänden Fotos und Malerei, ein Beichtstuhl in Kindergröße, Vitrinen mit Kuriositäten und der ebenfalls üppig mit Symbolen geschmückte Altarraum. Besucher können auf zehn Kirchenbänken Platz nehmen und den Raum auf sich wirken lassen. Zwei mit Blumen geschmückte Kindersärge flankieren den Eingang. Neben dem Altar steht wie vergessen ein leeres Krankenbett, schräg darüber die Röntgenbilder von Schlingensiefs Lungenflügeln.

Der deutsche Pavillon mischt alle Disziplinen – Theater, Film, Malerei und Musik – zu einer chaotisch inszenierten Werkcollage, die den Besucher stumm werden lässt. Es ist dunkel, warm und riecht nach Kirche. Man schwitzt und hört das Rattern der Projektoren. Dann wieder andächtige Orgelmusik. Das Bühnenbild, im wesentlichen zusammengefügt aus den Elementen des „Fluxus-Oratoriums“, das 2008 auf der Ruhrtriennale aufgeführt wurde, ist diesmal ohne Akteur, es ist die Installation eines Sterbezimmers von einem, der schon gestorben ist – die totale Konfrontation mit dem Tod von Christoph Schlingensief. An der Stelle des Kruzifix im Zentrum des Raums hängt eine weitere Leinwand. Wir sehen IHN als Kind mit seinen Eltern am Strand. Vom Band hören wir ihn schluchzen und weinen aus Verzweiflung – aus Todesangst.

Vom „Hauptschiff“ getrennt und nur von außen erreichbar ergänzen in den Seitenräumen zwei weitere Installationen die „Kirche der Angst“: ein Kinosaal mit Filmprogramm und eine Ausstellung über das Festspielhaus in Afrika. Etwas vernachlässigt wirken diese beiden Räume im Vergleich zu dem überinszenierten Hauptraum. Lediglich der aus Burkina Faso importierte rote Lehmboden sorgt hier für Aufmerksamkeit.

Susanne Gaensheimer und Aino Laberenz haben mit der „Kirche der Angst“ einen überraschenden Beitrag geleistet. Das sauber aufgebaute Bühnenbild ganz im Stil von Schlingensief und die Atmosphäre sind vielschichtig und fordernd. Und überfordernd, wenn man das Thema annimmt: Am Ende geht es nicht um den EINEN Tod, sondern um den Tod jedes einzelnen.

So verstanden, wirkt der Titel „EGOMANIA“, der in großen Lettern das „GERMANIA“ über dem Eingang verdeckt, weit über die radikale Selbstbezogenheit der Inszenierung hinaus. Ein urdeutscher „Jedermann“ à la Schlingensief. Wer sich Zeit nimmt, wird um eine tiefgehende Beklemmung nicht umhinkommen.
Jeanette Kunsmann

www.kirche-der-angst.de

erschienen am 2. Juni 2011 auf www.baunetz.de/biennale