Torre David

45 Etagen gestapeltes Leben im Rohbau abseits gesellschaftlicher, gesetzlicher und baulicher Normen: Kinder spielen zwischen den Betonstützen, Mütter kochen Essen für ihre Familien, und Liebespaare gehen in den obersten Etagen spazieren, um über Caracas zu blicken – und vielleicht in eine verheißungsvolle Zukunft. Um Tageslicht und frische Luft hineinzulassen, haben einige der Bewohner kurzerhand Elemente der vorgehängten Glasfassade entfernt, und dort, wo man es netter haben wollte, wurde der nackte Beton mit zarten Pastelltönen angemalt.

Torre David: 2007 wurde der nie fertiggestellte Büroturm, entworfen von dem einheimischen Architekten Enrique Gómez, besetzt, quasi umgenutzt und illegal in Betrieb genommen. Heute findet man in der pränatalen Ruine u.a. Marktstände, Bars, einen Friseursalon, ein Fitnessstudio, Ärzte und eine Autowerkstatt. 192 Meter ist der Turm an seinem höchsten Punkt und damit das dritthöchste Gebäude in Venezuela. 1993 verstarb der Besitzer des Bauprojekts, 1994 kam mit der venezolanischen Finanzkrise der Baustopp. Der Torre David wurde in unfertigem Zustand zurückgelassen, bis er nach langem Leerstand eine neue Bestimmung fand: Im Jahr 2007 besetzten knapp 300 Personen den Turm, es folgten mehr als 500 weitere Familien. Heute lebt in der Hochhaus-Bauruine, die auch als „vertikaler Slum“ bezeichnet wird, eine Kommune von rund 3.000 Menschen – ohne offizielle Genehmigung.

Die Situation in Caracas wirft viele Fragen auf, die vielleicht nie beantwortet werden können.  Urban Think Tank machen mit ihrer Studie „Torre David Gran Horizonte“ nicht nur auf den Fall aufmerksam und die Problematik wahrnehmbar, sondern suchen nach einem Umgang, neuen Möglichkeiten und Potentialen. Schließlich ist der Torre David auch kein abenteuerlicher Einzelfall. Wenn Städte wachsen, bilden sich immer Grenzen, die entweder ein- und ausschließen. Über 60 Prozent, also mehr als die Hälfte der Bewohner von Caracas leben in den Barrios, den Slums, den informellen Siedlungen – wie es politisch korrekt heißt. Besetzte Häuser findet man in allen Städten, selten jedoch in diesem Maßstab.

Alfredo Brillembourg, Hubert Klumpner und Justin McGuirk haben ein Jahr lang die räumliche und soziale Organisation des Ortes untersucht – dafür gab es Gold bei der Biennale in Venedig. Wie organisieren sich diese parasitären Strukturen in der vorgegebenen Konstruktion? Kann man von einem vertikalen Slum sprechen? Und welche Perspektiven bleiben den Bewohnern?

Die Geschichte des Turms wird in einer kurzen, bunten Graphic Novel erzählt, gezeichnet von Andre Kitagawa. O-Töne verschiedener Bewohner und Besetzer erläutern ihre Perspektive und geben einen kurzen Einblick in den Alltag, Pläne und Zeichnungen zerlegen den besetzten Turm in seine baulichen Einzelstücke. Lebendig wird die architektonisch-urbane Sozialstudie durch die vielen Bildstrecken von Iwan Baan. Mit „Torre David Gran Horizonte“ wollen Urban Think Tank Denkanstöße bieten, informelle Gemeinschaften als Orte zu sehen, die neue Ideen generieren – für eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft. (jk)

Torre David
Informal vertical communities

Lars Müller Publishers, 2012
Urban Think Tank,
Chair of Architecture & Urban Design
ETH Zürich
Softcover, 480 Seiten, ca. 300 Abbildungen
Englisch, 45 Euro

www.lars-mueller-publishers.com

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