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Monat: Januar, 2013

My … is better than yours! Der Streit um die Wortmarke Bauhaus: New Tendency

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Man weiß nicht, ob man Angst bekommen oder lachen soll. „In 50 oder 100 Jahren wird niemand mehr den Unterschied zwischen der historischen Schule von Gropius und dem Baumarkt wissen“, so das Statement von Robert Köhler, Pressesprecher der Bauhaus AG, Anfang Januar. „Vielleicht in Deutschland, aber nicht in anderen Ländern.“ Es geht um das Bauhaus. Heinz Georg Baus, Gründer der gleichnamigen Baumarktkette nutzte 1960 die Gunst der Stunde und ließ die Marke Bauhaus schützen; heute ist sein Bauhaus die zweitgrößte Baumarktkette Deutschlands. Der Skandal entfachte zu Jahresbeginn eine Debatte über die Wortmarke „Bauhaus“, Zündstoff dazu lieferte ein Artikel im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. „Wem gehört das Bauhaus“ fragte Journalist Markus Zehentbauer und portraitierte auf kluge Weise die Geschichte der Weimarer Gruppe „My Bauhaus is better than yours“.

Seit Herbst 2012 gibt es das Unternehmen „My Bauhaus is better than yours“ nicht mehr – oder halt, es gibt es doch noch, aber dazu später mehr. Das offene Netzwerk hat sich 2009 aus einer Freundschaft heraus entwickelt und sich als Studenteninitiative der Bauhaus-Universität Weimar mit der Gruppenausstellung „My Bauhaus is better than yours“ auf der Mailänder Möbelmesse etabliert. Dieses arbeitet an den Schnittstellen zwischen konzeptionellem Möbel-, Mode- und Grafikdesign. „Der Bezug zum historischen Bauhaus ist nur teilweise gegeben“, erzählt Manuell Goller, einer der drei Köpfe hinter dem jungen Label. „Aber die Grundidee, Departments aufzulösen und interdisziplinären Austausch zu fördern, ist wesent-licher Bestandteil von New Tendency. Wir verstehen uns nicht als reines Möbellabel, sondern suchen den Austausch mit Mode-, Grafikdesignern und befreundeten Architekten“

Das Bauhaus hat alle Mitglieder des Netzwerks durch ihr Studium in Weimar geprägt. „Den Slogan hat Daniel Burchard getextet“, erinnert sich Manuel Goller. „Bauhaus-Café, Henry-van de-Velde- Gebäude, Haus am Horn – Das Bauhaus hat uns ständig umgeben. ‚My Bauhaus is better than yours‘ hat uns geholfen, den Mythos aufzubrechen und uns Mut gemacht, uns an eigenen Interpretationen zu versuchen.“
Was mit einem Plakat angefangen hatte und mit einer Baumwolltasche international für Aufsehen sorgte, wurde letzten Sommer mit einem Anwaltsschreiben gestoppt. Bei einem Streitwert von 250.000 Euro kann man nur noch kurz mit den Schultern zucken: Was soll’s? Die Nachfolgeinstitutionen hatten in den Nachkriegsjahren schlichtweg versäumt, den Namen „Bauhaus“ zu schützen. Da ist es heute nicht nur für junge Unternehmer schwer, sondern auch die großen Bauhaus-Institutionen in Berlin, Weimar und Dessau haben im Kampf um die Warenklassen kaum eine Chance gegen den Baumarkt. Was wohl Gropius dazu sagen würde, dass die Markenrechte an dem Begriff „Bauhaus“ einem Baumarkt gehören? Jetzt nennt sich die Weimarer Firma „New Tendency“. Sie hatten auch andere Namen überlegt, „My Dada is better than yours“ zum Beispiel. Mit ihrem neuen Namen setzten sie ein positives Zeichen. Nach erfolgreichen Ausstellungen in Mailand und Beirut, auf der Art Berlin Contemporary und im Weltkulturen Museum Frankfurt sowie Kooperationen mit dem Kunstverein München, der Barbican Art Gallery London und dem Vitra-Haus in Weil am Rhein wurden sie nun kürzlich für den German Design Newcomer Award 2013 nominiert. Anfang Februar eröffnet die Gruppe übrigens ihr neues Büro mit Showroom in Berlin-Neukölln, direkt neben der Bruno-Taut-Siedlung in der Ossastraße. Die Jungs von New Tendency sind nicht zu stoppen – Namen sind zum Glück eben nur Schall und Rauch.

„Für uns ist der Vorgang abgeschlossen“, sagt der Robert Köhler, Pressesprecher des Baumarkts, heute. „Wir möchten betonen, dass wir unsere bekannte Marke gegen gewerbliche Nachahmer verteidigen. Unser Vorgehen richtet sich nicht gegen die Museen und Hochschulen, welche das ideelle Andenken der 1933 aufgelösten Bauhaus-Schule bewahren. Zu diesen pflegen wir seit Jahrzehnten eine harmonische Koexistenz. Gesprächsangeboten dieser Institution stehen wir offen gegenüber.“ Klingt friedlich. Die Diskussion bleibt und macht auf etwas ganz anderes aufmerksam: Den wachsenden Kulturverlust der heutigen Gesellschaft. (Jeanette Kunsmann)

www.newtendency.de

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www.baunetz.de/woche

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Beautiful Steps

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Stufe und Steigung, Wange und Geländer – im Architektenalltag mag die Treppe nicht immer die höchste Kunst sein, ihre Planung ist jedoch mehr als reine Mathematik. Manche Treppen bedeuten einen mühevollen Aufstieg, andere schreitet, nein, schwebt man empor, und manche landen im Nichts. Selbst der Aufzug hat es in den letzten einhundert Jahren nicht geschafft, der Treppe Rang und Ruf streitig zu machen. Ob als einladende Geste, als Skulptur im Raum oder als eigene Topographie: „Beautiful Steps“ können sich immer und überall verstecken – manchmal auch 200 Stufen am Stück ohne Podest zum Durchatmen. Über die Schönheit einer Notwendigkeit …

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Die Bühne ist ihr Raum: Anna Kubelík

Wenn Archigram als The Velvet Underground der Architektur bezeichnet werden, könnte man Anna Kubelík  vielleicht mit Björk vergleichen. Die charmante junge Frau ist nicht nur eine begnadete Schauspielerin, sie ist eine ebenso gute Architektin und Künstlerin – heimatlos, vielseitig und wahnsinnig talentiert mit verrückten Ideen! Nach ihrer Matura in Wien studierte sie Kunst und Design am Chelsea College of Art & Design in London, wechselte dann an die AA Architectural Association, und machte mit 24 (!) ihr Architekturdiplom, mit 26 ließ sie sich in die Architektenkammer Berlin eintragen – eine unmittelbare Karriere in jungen Jahren. Kurze Zeit später schlug Kubelík einen anderen Weg ein, studierte Schauspiel an der British Drama School in London – mit ebenso beachtenswertem Erfolg. Heute spielt die geborene Schweizerin an der Volksbühne und an der Neuköllner Oper in Berlin. Parallel dazu ist Anna Kubelik aber vor allem für ihre bizarren Bühnenbauten bekannt.

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Adieu Tristesse! Louvre Lens von SANAA

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Wenn Kultur zur Marke wird, brauchen Museumsinstitutionen neue Dependencen – warum nicht in der Provinz? Das Centre Pompidou hat es 2010 mit dem Neubau von Shigeru Ban in Metz erfolgreich vorgemacht, jetzt zieht der Louvre hinterher. Feierte man diesen Herbst schon die schillernd-glänzende Erweiterung von Rudy Ricciotti in Paris, kann der Louvre nun Ende des Jahres mit einem weiteren Highlight überraschen: dem neuen Museumsgebäude von SANAA. Ab dem 12. Dezember wird die neue Louvre-Filiale im nordfranzösischen Lens täglich ihre Pforten für die Besucher öffnen, heute wurde der „kleine Louvre“ offziell eingeweiht.

SANAA, Louvre, Lens – das passt: Die Japaner haben in Essen neben der Zeche Zollverein mit dem Kubus für die Designschule im Ruhrgebiet aufgetrumpft, in Lausanne mit dem Rolex Learning Center für Furore gesorgt und in London mit dem temporären Pavillon neben der Serpentine Gallery zahlreiche Besucher in den Kensington-Garten angelockt. Nun werden sie die Tristesse der Industrie- und ehemaligen Bergarbeiterstadt Lens ein wenig verbannen und Kunst-Liebhaber aus aller Welt in die französische Provinz verleiten – 200 Kilometer von Paris entfernt.

Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa haben in Lens das gemacht, wofür sie bekannt sind: einen schlichten, bescheidenen Gebäudekomplex aus mehreren rechteckigen Kuben geschaffen, die sich durch einen weitläufigen Park aneinanderreihen und in der Landschaft auflösen. Understatement pur. Das Grundstück liegt insgesamt etwas höher als seine Umgebung – man hätte sich hier auch gut eine weithin sichtbare Symbolarchitektur vorstellen können. Die japanischen Architekten entwarfen – mit den für die Museumsgestaltung zuständigen Architekten Imrey Culbert (New York) und den Landschaftsplanern Mosbach Paysagistes (Paris) –  eine flache, eingeschossige Pavillonstruktur aus fünf Gebäuden mit insgesamt 28.000 Quadratmeter Nutzfläche. Davon werden etwa 6.000 als Ausstellungsfläche genutzt, der Rest steht für Depots und Büros zur Verfügung. Der Neubau aus Glas und Aluminium ist eine gute Geste, die mit den ziegelroten Backsteinhäusern der ehemaligen Bergarbeiter und dem schräg gegenüberliegenden Fußballstadion unbefangen im Kontrast steht. Um die Gebäude in gewissem Maße mit der Umgebung verschmelzen zu lassen, wurden sie mit einer Hülle versehen, die entweder verglast oder mit poliertem und eloxiertem Aluminium bekleidet ist. Leicht verzerrte Reflexionen der Landschaft werden sichtbar, die sich wiederum je nach Wetter, Tageslicht und der Position des Betrachters verändern, manchmal auch zu einem schwimmenden Aquarell.

Inneneinrichtung und Museographie betreute der Jungdesigner Adrien Gardière. Auf 120 Metern Länge zieht sich der von Aluminiumwänden umgebene Raum in seichter Abwärtsbewegung nach unten. „Je weiter der Besucher voran schreitet, desto mehr kommt er in der Gegenwart an“, erklärt ein Ausstellungsleiter der Presse. „Es ging uns darum, eine transversale Sicht der Kunstgeschichte und der Menschheit zu bieten.“ Damit präsentiert der nordfranzösische Ableger die Werke aus dem Pariser Haupthaus nach einem völlig anderen Konzept. Während der Louvre seine Exponate nach Gemälden und Skulpturen sowie nach Zivilisationen trennt, bringt der Louvre-Lens alle Werke zusammen – diese Revolution in der Ausstellungsgestaltung zeigt die Exponate mit einem neuen Blick, in einem frischen Licht.

150 Millionen Euro hat das SANAA-Museum gekostet, das damit mehr als doppelt so kostspielig ist wie die Museumskathedrale in Metz (69 Millionen Euro). Dennoch eine wichtige Investition: Die gläserne Gemäldegalerie im Großraum Lille wird mit Sicherheit ein Besuchermagnet und somit Motor für weitere Kulturprojekte in Lens. Paris muss eben nicht mehr Nabel der Welt sein, zumindest Frankreichs Museumslandschaft soll im Rahmen einer Dezentralisierung auch in die einzelnen Regionen geöffnet werden. Bei der Ausschreibung um die Louvre-Dependance 2003 hatten auch sechs andere Städte, darunter Lyon und Montpellier, kandidiert. Louvre-Lens klingt eben auch besser. (jk)

(erschienen in den BauNetz-Meldungen am 4. Dezember 2012)

Supermacht Supermarkt

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Streck-, Sicht- und Bückzone: Nicht nur die Regale im Supermarkt werden nach einem bestimmten Prinzip aufgebaut, auch das Gebäude samt Raumkonzept und Hülle folgt speziellen Planungsanforderungen, die trotz seitendicker Manuals genug Raum für Kreativität lassen. Aber die Zeiten zweckmäßiger Hallentragwerke mit kalter Neonbeleuchtung sind gezählt. Ob in Gold verpackt, mit einem besonderen Dach oder gleich als Paradies – Supermärkte sind für Architekten eine anspruchsvolle Herausforderung geworden.

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