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Monat: Mai, 2013

Wer berühmt ist, gehört sich nicht mehr selbst. Über den Dokumentarfilm Haus Tugendhat

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Es sollte ein kleines Haus mit fünf Zimmer werden. Als Fritz und Grete Tugendhat den Architekten Ludwig Mies van der Rohe 1928/29 mit dem Entwurf für ein Wohnhaus im tschechischen Brünn beauftragten, ahnten sie, worauf sie sich einlassen, und hatten dennoch keine Vorstellung, was sie erwarten würde.

Der Architekt, der im selben Jahr den deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona gebaut hatte, überraschte das jüdische Unternehmer-Ehepaar mit einem modernen, leichten und schwerelosen Gebäude, in dem die Kinder nicht niesen wollten, aus Angst, es breche sonst zusammen. „Versenkbare Glaswände, pathetische Räume und vor allem diese Noblesse“, schwärmt Ruth Guggenheim-Tugendhat in ihren Kindheitserinnerungen. „Schon damals wusste jeder, dass dieses Haus besonders war.“

Ruth Guggenheim-Tugendhat ist eine von vielen Stimmen, die in dem Dokumentarfilm „Haus Tugendhat“ zu Wort kommen. Regisseur Dieter Reifarth verwebt darin geschickt die Biographie des beeindruckenden Bauwerks mit dem Portrait einer Großfamilie voll an persönlichen Schicksalen. Auch die einflussreichen Tugendhats wurden von den Nationalsozialisten verfolgt und mussten von Tschechien über die Schweiz nach Venezuela fliehen.

Eine Zeit lang blieb ihr schönes Haus, dass die gesamte Familie so geliebt hatten, unbewohnt – es folgt eine abwechslungsreiche Nutzergeschichte. Die deutsche Familie Messerschmidt mietete die Villa Tugendhat für 1.300 Reichsmark und machte es sich dort gemütlich: Eine biedere Bauernstube in der großen Halle war nur eine von mehreren Bemühungen, sich in dem modernen Wohnhaus einzurichten. In den ersten Nachkriegsjahren diente das Haus als private Ballettschule, später dann, von den 1950er bis 80er Jahren wurde es als Therapiezentrum für wirbelsäulengeschädigte Kinder genutzt. Erst seit 2012 ist die Villa Tugendhat saniert und wieder für Besucher zugänglich – für die lebenden Mitglieder der Familie Tugendhat war dies ein mühsamer und langer Kampf. „Wer berühmt ist, gehört sich nicht mehr selbst“ – dies trifft nicht nur auf bekannte Persönlichkeiten, sondern eben auch auf Ikonen der Baugeschichte zu.

Reifarth fügt all diese unterschiedlichen Geschichten, die in der Villa beginnen, diese streifen oder hier enden, zu einem spannenden und facettenreichen Film zusammen. Gespräche mit den noch lebenden Familienmitgliedern und ihren Enkeln sowie den einstigen Benutzern des Hauses, Kunsthistorikern und Restauratoren spannen einen großen Bogen auf; historische Foto- und Filmaufnahmen des Gebäudes werden durch Familienfotos ergänzt und lassen die Villa lebendig werden.

Die Frage, ob man in der Villa wohnen kann, zieht sich durch den gesamten Film und wird mit diesen Fragmenten subtil beantwortet. Spielende Kinder im Garten, eine glückliche Familie auf dem Mies-Sofa oder turnende Mädchen vor der Onyxwand sind stille, schöne Momente in der Biographie dieses Bauwerks. Ergänzt durch die Perspektive der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger ist so ein kluger Film entstanden, der weit mehr Themen anspricht, als die Geschichte der Familie Tugendhat und ihrer berühmten Villa.

Der Film „Haus Tugendhat“ will dabei nicht mehr sein, als er ist: eine Dokumentation. Gerade deshalb ist er so gelungen, weil Reifarth es schafft, mit sanften Tönen, leisen Bildern und einem unaufgeregten Tenor ein so großes Spektrum zu eröffnen: Mit Architektur fängt es an, doch spiegeln sich hier alle Aspekte das Leben. (Jeanette Kunsmann)

erschienen am 23. Mai 2013 auf www.baunetz.de

Haus Tugendhat

Buch, Regie und Schnitt: Dieter Reifarth
Kamera: Rainer Komers, Kurt Weber
Pandora Film, 2013

tugendhat.pandorafilm.de

(Foto: © strandfilm, Pandora Film Verleih)

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Neustart nach der Postmoderne – Caroline Bos und Ben van Berkel im Gespräch

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Seit Freitag ist in der Berliner Galerie Aedes die Installation „Motion Matters“ von UN Studio zu sehen. Wir sprachen vor der Eröffnung mit Caroline Bos und Ben van Berkel über die Postmoderne, den perfekten Raum und das Geheimnis der ewigen Jugend.

Die 80er Jahre gelten als sehr ideologisch geprägt: Die Postmoderne war noch in vollem Gange, während Koolhaas und andere sich schon wieder der Moderne zuwandten. Sie haben 1988  – mitten in diesen Zeiten – ihr Büro gegründet. Mussten Sie sich freischwimmen?

Ben van Berkel: Interessante Frage! Man darf nicht vergessen, dass diese ideologischen Spannungen ihren Ursprung in der Architectural Association hatten. Unsere Dozentin war Zaha Hadid – wir waren also eine jüngere Generation, zusammen mit Nigel Coates, der bei Bernard Tschumi gelernt hatte. Heute könnte man diese Gruppe vielleicht unter dem Titel „Narrative Architektur“ zusammenfassen.

Im Gegensatz zur Postmoderne, zu Krier, aber auch zu Tschumi und Koolhaas, die sich der Architektur eher über die politischen Themen dieser Zeit genähert haben, gingen wir ganz von architektonischen Fragen aus. Darüber haben wir auch unser erstes Buch geschrieben, wie Architektur wieder aus sich selbst heraus faszinieren kann.

Caroline Bos: Neben unserer theoretischen Arbeiten haben wir von Anfang an versucht zu bauen. Zaha Hadid hatte noch nicht ein Gebäude realisiert, da hatte Ben bereits einige Bauten abgeschlossen. Man hatte fast den Eindruck, dass sogar etablierte Architekten Angst davor hatten, beim Bauen Kompromisse machen zu müssen. Aber Architekten müssen praktizieren – sonst sind sie nie in der Lage zu bauen.

Frau Bos, Sie wurden einmal als „kritischer Motor“ von UN Studio bezeichnet. Wie kamen Sie zusammen, was dachten Sie damals über Bens Ansatz und wie sehen sie seine Arbeit heute?

Caroline Bos: Noch kritischer! (lacht)

Sie sind Kunsthistorikerin – wie muss man sich ihre Zusammenarbeit vorstellen?

Caroline Bos: Wir hatten zu Anfang keine Ahnung, dass wir einmal zusammen arbeiten würden, kannten uns aber schon, bevor wir nach London gingen. Als wir eine Ausstellung besprechen sollten, haben wir entdeckt, dass wir zwar unterschiedliche Betrachtungsweisen haben, dass die sich aber gut ergänzen. Mir gefallen Bens Ideen und Visionen; wir stimulieren uns auf eine intellektuelle Weise.

Was erwarten Sie von Ihrer Architektur? Wie sieht der perfekte Raum aus?

Ben van Berkel: Ein perfekter Raum ist unperfekt. Bei unserer Architektur geht es mehr um das Nachbild: Was in Erinnerung bleibt, ist wichtiger als das, was wir sehen oder erwarten. Es ist wie mit Büchern oder Filmen – wenn sie gut sind, will man sie immer wieder lesen oder noch einmal sehen.

Box vs. Blob: Vor etwa 15 Jahren gab es noch einen ausgeprägten Konflikt zwischen diesen beiden Strömungen, heute scheint in der Architektur alles möglich, und es wird kaum noch diskutiert. Vermissen Sie die Debatte?

Caroline Bos: Ich denke, weniger entscheidend als der eigentliche Konflikt war es, neue Ideen zu entwickeln. Vielleicht sind wir heute nicht mehr so involviert, aber ich vermisse schon eine generelle Auseinandersetzung. Die neuen Computerprogramme waren aber nicht nur die Basis für Blob-Architektur, sondern auch für effizienteres und schnelleres Arbeiten.

Ben van Berkel: Box oder Blob, wen kümmert das schon? So lautete schon damals unser Statement. Wir wollten die Architektur von stilistischen Referenzen befreien, umdenken und neue Gedanken und Ansätze zusammenbringen. In sofern sind wir vielleicht auch mitschuldig daran, dass es heute weniger Diskurs gibt. Und vielleicht braucht es nun wieder mehr Sinn und Verantwortung.

Caroline Bos: Ja, der Konflikt damals war sehr intensiv und von Bedeutung – das ist heute nicht mehr so.

Sie haben nicht nur Gebäude entworfen, sondern auch Möbel und städtebauliche Masterpläne. Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Design, Architektur und Städtebau?

Ben van Berkel: Selbstverständlich gibt es Unterschiede. Wir denken aber kaum in einzelnen Maßstäben, sondern in Aspekten und Kategorien. Uns ist aufgefallen, dass sich diese fast immer übertragen lassen: vom Großen ins Kleine und umgekehrt. Der Burnham Pavilion in Chicago ist dafür ein gutes Beispiel. Er sieht aus wie ein Tisch und hat uns deswegen zu einem Möbelentwurf inspiriert: dem „Sit-in-Table“.

Beeinflusst Modedesign Sie als Architekten?

Ben van Berkel: Architekten können keine Mode, aber vielleicht ein Kleid für die Zukunft entwerfen. Man kann von jedem Gebiet etwas lernen und sich inspirieren lassen.

Wie sieht denn ihre Vision für die Gebäude der Zukunft aus?

Ben van Berkel: Wie Architektur in ein paar Jahrzehnten aussehen wird, kann ich leider nicht sagen –  sie wird auf jeden Fall performativer und interaktiver sein.

Ein großes Thema heute ist Umbau und Umnutzung von bestehenden Gebäuden. Die Projekte von UN Studio sind sehr präzise Entwürfe, sehr festgelegt – könnten Sie sich vorstellen, dass sie in fünfzig Jahren eine andere Nutzung haben?

Ben van Berkel: Daran sind wir jedenfalls sehr interessiert. Wir versuchen auch, unseren Auftraggebern zu vermitteln, dass zum Beispiel ein Bürogebäude gar nicht als Bürogebäude gebaut werden sollte. Also schauen wir auf Raster und Systeme und versuchen, sie so zu entwerfen, dass sie auch zu Wohngebäuden werden könnten.

Zum Thema Haltbarkeit: Man nimmt UN Studio noch 25 Jahren immer noch als „junge Architekten“ wahr – was ist Ihr Geheimnis?

Ben van Berkel: Wir lehren beide – das hält frisch! Außerdem sind alle unsere Mitarbeiter deutlich jünger.

(Das Gespräch führten Jeanette Kunsmann und Stephan Becker; erschienen am 22. Mai 2013 auf www.baunetz.de)

Im Glashaus

Wo Architektur, Natur, Haus und Garten aufeinander treffen: Moderne Gewächshäuser dienen nicht nur der Zucht exotischer Pflanzen, sondern auch als Raum zum Wohnen und Arbeiten. Eine Reise von den Glaspalästen der Botanischen Gärten und Ideen visionärer Kapselstädte hin zu den zu den Gewächshaus-Architekturen junger Architekten – Modell für die Zukunft oder nur ein Trend?

Mehr in der Baunetzwoche#318

und auf www.designlines.de

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