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Kategorie: Texte

Intelligenz ist eine moralische Kategorie

Intelligenz ist eine moralische Kategorie,
und die Moral nur ein Nebenprodukt der Evolution.

Wir sollten die Regel zur Ausnahme erklären, und die Ausnahme zur Regel! Dabei darf das Verhältnis nie ausgewogen sein,
sondern umgekehrt.

Solidarität lässt sich nicht formulieren, sondern leben. Es heißt, die Liebe will nichts von dem anderen, sie will alles für den anderen.

Wir registrieren mit großer Bestürzung einen partiellen Verfall der Gesellschaft und stricken für den Weltfrieden. Handschuhe.

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Zehn neue Wahrheiten oder…

…was ich in der letzten Woche gelernt habe:

1. Anfassen lindert den Schmerz.

2. Böse Emails sofort nett und freundlich beantworten, am besten per Post und in Schreibschrift.

3. Sich zum Interviewtermin im Bademantel fotografieren zu lassen, so lässig ist nur Chilly Gonzales.

4. Der Sommer ist vorbei.

6. Leo-Prints sehen nur an Leoparden gut aus und an allen anderen billig.

7. Martini schmeckt doch ganz lecker, auch ohne Olive.

8. Dreistigkeit siegt.

9. Es gibt nur eine Sache, die besser ist als ausschlafen: sich umdrehen und weiterschlafen.

10. Das Ende der Woche ist immer zu kurz.

Es ist nicht so, wie du denkst.

Es ist nicht so, wie du denkst.
Draußen scheint die Sonne
heute nicht.
Du gehst spazieren
in deiner Wohnung
und schaust aus dem Fenster.

Einer versucht sein Auto zu parken
und scheitert dabei
mit einem lauten Knall.
Dein schwarzer Golf
sieht jetzt nicht mehr so schön aus,
obwohl du ihn erst gestern gewaschen hast.

Die Alarmanlage fängt an
laut und schrill zu Piepen,
und weckt die ganze Straße auf.
Niemand hat etwas gesehen
und du bist dir auch nicht mehr sicher
ob du nicht lieber wieder ins Bett gehen solltest.

Vielleicht war das gar nicht dein Auto
Ein schwarzer Golf ist keine Seltenheit und
hattest du nicht gestern nacht woanders geparkt?
Regentropfen machen Musik auf dem Asphalt
und hüpfen über die Straße.
Es ist nicht so, wie du denkst.

thinking about something…

Um keine Autogramme geben zu müssen, habe ich mir meine Hand bandagiert.

Bei jedem Kuss werden rund 250 Bakterien ausgetauscht.

Im Wohnzimmer sitzt ein Engel auf dem Sofa und fragt nach einem Kaffee. Ohne Zucker.

Ich trockne mit meinem Fön die ganzen Tränen.

Wenn das Leben eine Eckkneipe ist, was ist dann der Tod?

Wir haben Elvis gehört, stundenlang, auf dem Bett liegend, nackt und zu zweit.

Superhelden haben nie Gepäck.

Am Ende eines Pornos wird auch nicht geheiratet.

Alle guten Dinge sind drei

Andre sitzt neben mir auf dem Sofa und rutscht unruhig hin nun her. Wie es mir denn so gehen würde. Alles klar. Gequälter Smalltalk zu schlechter Musik und noch schlechterem Wein. Genau das richtige für einen Montagabend.

Wochenlang habe ich ihn ignoriert, aber nach gefühlten 50 SMS, „wann ich ihn denn endlich mal in seiner neuen Wohnung besuchen würde“, dachte ich: Ok, schau ich da doch mal endlich vorbei, ist ja auch um die Ecke. Die Neugier siegt schließlich immer. Und nun sitze ich neben meiner März-Affäre auf dem neuen grauen Sofa, das übrigens nicht nur ihm, sondern auch seiner neuen Freundin Marisol gehört. Es ist halb neun und draußen wird es langsam Sommer.

„Und, wie sind deine neuen Nachbarn so?“ frage ich ihn schnippisch. „Ja, ja geht schon. Ein bisschen spießig“, Andre starrt mich die ganze Zeit an, während wir reden. „Ach, so wie du?“ kontere ich und muss anfangen zu lachen. Andre ist empört, versucht aber gar nicht, sich zu rechtfertigen. Warum auch? Er und dieser Wohnung passen wie gesucht und gefunden zusammen. Ich lache noch etwas lauter und halte ihm mein leeres Glas hin. „Bitte noch etwas von dem schlechten Wein.“ Der Abend könnte vielleicht noch ganz lustig werden, denke ich.

Da klingelt sein Handy. „Sag mal, wär das jetzt okay für dich, wenn Marisol gleich kommt?“ Aha. „ Ja, klar. Nee, ist doch nett, dann lern ich die mal kennen. Und außerdem wohnt sie hier ja auch.“ Andre freut sich und schreibt ihr schnell zurück. Ich gehe kurz auf die Toilette. Fünf Minuten später steht Marisol in der Tür. Eine wahnsinnige Schönheit mit langen schwarzen Haaren und noch längeren Beinen. Ihre Augen sind dunkel wie die Nacht in Asien – und ihr Rock hat die Maße meines Gürtels.

„Hey! Wie schön, jetzt lernen wir uns endlich mal kennen“, haucht sie mir entgegen. Eine rauchige Stimme hat sie also auch noch. Wahnsinnsfrau! Wahnsinnsdachgeschosswohnung. Warum bin ich eigentlich hier, frage ich mich. Denn nun sitze ich zwischen Marisol und Andre auf ihrem neuen Sofa und beide lächeln mich völlig debil an. Ich grinse zurück, einmal nach links zu Andre und etwas länger nach rechts zu ihr. Sollen sie sich ruhig freuen. Überall brennen Kerzen und aus den Bang & Olufsen Boxen ertönt leise das Wimmern von Radiohead.

Wir reden also ein bisschen, trinken den schlechten Wein, der mit der Zeit etwas besser schmeckt, und lachen weiterhin völlig debil. Beide sind wahnsinnig nett – nur überhaupt nicht lustig. Irgendwann wird es mir zu blöd. Ich überlege kurz noch, doch dann denke ich, dass eigentlich im Moment eh alles egal ist. „Und wie ist das jetzt?“ frage ich – nach links und nach rechts. Da weder von links noch von rechts eine Antwort kommt, schieße ich hinterher: „Also Andre, ist das jetzt hier die Einladung zu einem Dreier, der wie hast du dir das vorgestellt?“ Stille. „Häh? Nee, das verstehst du jetzt falsch.“ Andre wird rot und Marisol lacht – etwas gequält klingt dieses Lachen. „Aber entspann dich doch einfach ein bisschen.“ Andre geht in die Küche und kommt mit einer neuen Flasche Wein zurück.

„Nee, du“, säuselt er nun, „ so war das wirklich nicht gemeint. Aber die Atmosphäre ist doch eigentlich gerade ganz passend, oder?“ Ich gucke ihn an, dann Marisol, dann wieder ihn. Ich fasse es nicht. Es war so offensichtlich, wie ich zwischen den beiden sitze, es ist so offensichtlich, wie beide mich nun anstarren, denke ich. Dann wieder das debile Grinsen von Marisol. Oh Mann, wie einfach ihr euch das denkt, frage ich mich. Wie albern das ist!

„Na ja, also ihr wisst schon, dass das so nicht funktioniert, oder? Ich meine, dafür braucht man keine Duftkerzen, Wein und diese pseudoromantische Softpornoatmosphäre. Dafür braucht man den richtigen Moment, und den kann man nicht herbei zaubern, der passiert einfach so!“

„Aber nein, entspann dich doch einfach, wir können ja auch noch ein bisschen reden.“ Andre plappert munter, als wäre nichts. „Hey, ich bin total entspannt“, entgegne ich, „wirklich!“ „Jaaa?“ ertönt es im Chor aus beiden Richtungen und beide werfen mir ihr schönstes Lächeln entgegen. „Ja. Aber ganz ehrlich – so wie ihr das ihr euch für heute Abend vorgestellt habt, funktioniert es nun mal nicht.“ Und um das Ganz noch zu toppen, füge ich hinzu: „Wirklich, glaubt mir, ich hatte das erst letzte Woche. Es war wunderbar, hat sich aber einfach so ergeben und war deswegen so großartig, weil keiner vorher drüber nachgedacht hat!“ Stille. Ein Seufzen von rechts. Und von links Protest: „Nee, wirklich, das glaube ich dir jetzt nicht. Das sagst du doch nur so, oder? Andre ist nun völlig verwirrt und aus seiner Abendplanung gerissen. Er hat komplett die Kontrolle verloren und: sich nicht nur vor mir, sondern auch vor Marisol, völlig bloßgestellt. Die schaue mich in diesem Moment ganz verbunden an.

„Na gut, also, war nett mit euch. Und wirklich, ihr seid ganz tolle Menschen, aber ich geh dann mal“, sage ich ganz locker in Runde und stehe auf. Wie schön sich das anfühlt, gleich zwei gut aussehenden Menschen einen Korb zu geben! Entsetzte traurige Augenpaare streifen mein Gesicht. Wie er sich das wohl vorgestellt hat? Wie dumm man sein kann, frage ich mich und schüttle den Kopf. Ich werfe beiden eine Kusshand zu und geh zur Wohnungstür. „Adieu ihr zwei. Und einen schönen Abend noch!“ Ich werfe die Tür zu und nehme laut lachend zwei Stufen auf einmal. Was für eine absurde Situation! Wie die beiden sich jetzt fühlen müssen!

Als ich zu Hause bin und auf mein Handy gucke, steht da: „Komm schnell zurück und entspann dich mit uns!“ 

(jtkn/ erschienen auf jetzt.sueddeutsche.de)

Die Frau vor dem Spiegel,
ein kurzer Blick, ein Schluchzen,
eine Tür schlägt zu.
Ein starrer Blick in den Spiegel.
Ein Knall.

Ich verpasse die U-Bahn und komme zu spät
in die Disko.

Die Frau vor dem Spiegel.
Die Fliesen im Bad sind genauso
schmutzig wie ihre Seele,
Ihre Augen starren an ihren Augen vorbei,
dann auf den Boden,
keine Tatsachen, bloße Vermutungen,
liegen dort.

Auf dem Herd kochen
noch die Nudeln,
die du essen wolltest.

Die Frau vor dem Spiegel
kämmt sich die Haare.
Ein Mund, ganz ohne Ton.
Stumme Bewegungen.

Was ich am Ende mit meinem Kaugummi
machen soll, frage ich mich oft.
Wohin damit?

Die Frau vor dem Spiegel
trägt einen gestreiften Pullover,
dabei ist ihr Charakter
doch klein kariert.

Ich schaue in den Kühlschrank
und blicke in ein Leben im Singular.

Die Frau im Spiegel
riecht nach weißer Bettwäsche und
rot lackierten Fußnägeln.

Ein Echo, das sich wiederholt.
Eine Live-Übertragung, die stockt.
Ein Ton, der gefriert und dann stoppt.
Woher kommt diese Gelassenheit,
die so schallend laut lacht?

Ein Dialog, der keiner ist.
Die Stille dreht sich im Kreis.
Ein Ende, das zu Ende ist.
Leise Geräusche, die man nicht sieht.
Ein Flüstern, das nicht mehr stottert.
Ein Wind, ein Stoß.
Kein Blick und kein Knall.
Ein Ende, das zu Ende ist.

Die Frau vor dem Spiegel
steht schon lange nicht mehr dort.

(ohne Titel/ jtkn/ Mai 2010)

Erinnerungen/ Souvenirs

Hätten wir darüber nachgedacht,
hätten wir uns vorher gekannt?
Zwischen dem Grauen und dem Morgen,
wenn morgen eigentlich schon übermorgen ist.
Und das, was dazwischen liegt,
eine andere Bedeutung bekommt.
Mathematiker würden wahrscheinlich
von Parallelverschiebung sprechen.
Doch bleibt dann nicht eine Konstante,
die uns mit der Wirklichkeit verbindet?

Hätten wir das gedacht, vorher?
Vielleicht vorgestellt.
Vielleicht gewünscht.
Vielleicht nie erlebt.
Wenn das Danach zum Vorher wird,
die Minuten in Sekundenschnelle zu Stunden werden.
Und nur kleine, blaue Flecken,
die man kaum sehen kann,
aber spürt und fühlt,
mit einem breiten Lächeln
an den Moment erinnern…

(Berlin, 24. Mai 2010)

Bevor Langeweile aufkommt,
denn die ertragen wir nicht,
setzen wir uns lieber in den Regen und
spielen Fußball mit unseren Gedanken.

Sonntags

ich sitze auf meiner badezimmermatte.
nackt natürlich.
mit deiner gabel esse ich weintrauben und
frage mich, wie deine gabel in meine hand kommt.
hinter mir die dusche
darunter du
deine zunge weiss zuviel und
kann nicht aufhören zu singen.
ich lausche deinem lied und dem wasser,
das über deinen körper fließt und
denke an unseren letzten regenspaziergang
deine haut ist nass und fühlt sich aufregend an.
du fragst mich, warum ich deine gabel in der hand habe,
ich lege sie weg und füttere dich mit weintrauben.
heute sind wir griechisch,
mit frotteetüchern umwickelt liegen wir auf meiner badezimmermatte.

(Jeanette Kunsmann/ Hamburg, Mai 2000)

I love you more than yesterday

deine lippen
sind überall
und berühren sanft
alles, was zu mir gehört.
ich rieche deine stimme,
höre deine haare
und schmecke deinen atem
manchmal
vermisse ich dich sehr
dann küsse ich die leere stelle
neben mir im bett.

(jtkn/ Berlin 2010)