PO-e-SIE

MORGEN

Eine schöne Siebzehnjährige
findet auf dem Gehweg ein Papier
auf dem etwas geschrieben,
das sie nicht lesen kann.
Im Radio redet man über die weiße Bluse
der Spitzenkandidatin.
Das Mädchen wickelt ihren Kaugummi
in das Papier und steckt es in die Tasche.
Der Mond war gestern nicht zu sehen.
Große, einsame Menschen
gehen wortlos an ihr vorüber.
Die Vorgärten sind lieblos
in dieser Gegend,
in der jeder nur das Seine macht,
denkt sie und beschließt,
bald fort zugehen
von hier.

ERINNERUNGEN/SOUVENIRS

Hätten wir darüber nachgedacht,
hätten wir uns vorher gekannt?
Zwischen dem Grauen und dem Morgen,
wenn morgen eigentlich schon übermorgen ist.
Und das, was dazwischen liegt,
eine andere Bedeutung bekommt.
Mathematiker würden wahrscheinlich
von Parallelverschiebung sprechen.
Doch bleibt dann nicht eine Konstante,
die uns mit der Wirklichkeit verbindet?

Hätten wir das gedacht, vorher?
Vielleicht vorgestellt.
Vielleicht gewünscht.
Vielleicht nie erlebt.
Wenn das Danach zum Vorher wird,
die Minuten in Sekundenschnelle zu Stunden werden.
Und nur kleine, blaue Flecken,
die man kaum sehen kann,
aber spürt und fühlt,
mit einem breiten Lächeln
an den Moment erinnern…

(Berlin, 24. Mai 2010)

SONNTAGS

ich sitze auf meiner badezimmermatte.
nackt natürlich.
mit deiner gabel esse ich weintrauben und
frage mich, wie deine gabel in meine hand kommt.
hinter mir die dusche
darunter du
deine zunge weiss zuviel und
kann nicht aufhören zu singen.
ich lausche deinem lied und dem wasser,
das über deinen körper fließt und
denke an unseren letzten regenspaziergang
deine haut ist nass und fühlt sich aufregend an.
du fragst mich, warum ich deine gabel in der hand habe,
ich lege sie weg und füttere dich mit weintrauben.
heute sind wir griechisch,
mit frotteetüchern umwickelt liegen wir auf meiner badezimmermatte.

(Jeanette Kunsmann/ Hamburg, Mai 2000)

I lOVE YOU MORE THAN YESTERDAY

deine lippen
sind überall
und berühren sanft
alles, was zu mir gehört.
ich rieche deine stimme,
höre deine haare
und schmecke deinen atem
manchmal
vermisse ich dich sehr
dann küsse ich die leere stelle
neben mir im bett.

(jtkn/ Berlin 2010)

FUSSEL

Ich habe eine schwarzen Fussel auf meinem Teller
gefunden. Der ist, glaube ich, von dir.
Kannst du mir deine Adresse geben, damit ich ihn dir zurück schicken kann?

(jtkn/Berlin, 2008)

DU

Deine weißen Tennissocken
dein Bart, täglich frisch rasiert
deine selbst gedrehten Zigaretten
dein Lachen bei einem Witz von mir
deine selbst gewählte Einsamkeit
deine Selbstgerechtigkeit

deine T-Shirts, aus denen du die Waschanleitungen geschnitten hast
deine Armbanduhr auf dem Tisch, weil du sie zu Hause nie trägst
deine Prinzipien, die du niemals brechen wirst
deine Rituale, die du niemals ändern wirst
deine nackten Füße auf dem Parkett

dein starrer Blick aus dem Fenster
dein Stuhl, auf dem du nur du sitzen durftest
deine Nasenflügel, die beim Sprechen beben
dein Gesicht, das verblast
deine Seele, die verschwunden ist
das was bleibt ist wenig: Ich

(Jeanette Kunsmann/ Januar 2009)

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